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In Sachen Darwin’s
‘insbesondere -
contra Wigand.
Ein Beitrag -
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Rechtfertigung und Fortbildung
der
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Dr. Eisler J aeger,
Professor der Zoologie und Anthropologie am Polytechnicum in Stuttgart und der land- und forstwirthschaftlichen Akademie Hohenheim.
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= Charles Darwin's
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gesammelte Werke.
Aus dem Englischen übersetzt i Yan
J. Vietor Carus.
Complet in 60. Lieferungen, mit über 200 Holzschnitten, 7 Photo- graphien, 4 Karten ete.
und dem Portrait des Verfassers in Kupferstich.
Preis der Lieferung Mark 1. 20 Pig.
Mit Ausnahme der monographischen Arbeiten über „lebende und fossile Rankenfüsser“ sind in der vorliegenden Ausgabe sowohl die selbständigen Schriften als auch die einzelnen Aufsätze Charles Darwin’s aufgenommen worden, erstere vollständig, letztere gleichfalls fast sämmtlich, insofern sie nicht in erweiterter Form den grösseren Schriften einverleibt worden sind. Es haben uns hierbei auch der Rath und Wunsch des Verfassers geleitet. In Bezug auf die Reihenfolge haben wir auf die Darstellung der Reise, welcher Darwin die ersten Anregungen zur Entwickelung seiner Theorie verdankt, das’ die letztere erörternde Hauptwerk folgen lassen; diesem schliessen sich dann die zoologischen und botanischen Spiga arbeiten als Belegstücke an. Die geologischen Arbeiten machen den Schluss. |
In Sachen Darwin’s insbesondere
‚contra Wigand.
' Ein Beitrag
zur
Rechtfertigung und Fortbildung
der
Umwandlungslehre
von
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Dr. Gustay Ja aeger,
Professor der vergleichenden Zoologie und Anthropologie am Polytechnicum in Stuttgart und der land- und forstwirthschaftlichen Akademie Hohenheim. ;
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STUTTGART. 4 E. Schweizerbart’sche Verlagshandlung (E. Koch). | 1874.
Druck der E. Schweizerbart’schen Buchdruckerei in Stuttgart.
Vorred e.
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Für die Darwin'sche Lehre wäre es has grosses Unglück gewesen, wenn sie nicht von Anfang an eine gewaltige Opposition gefunden hätte. Der menschliche Geist ist in seinem Durste nach Abschluss des Wissens nur zu sehr geneigt, solche gewaltige Erkenntnissfortschritte,
win'sche Lehre brachte
wie sie uns die Dar- , für diesen letzten Abschluss zu halten, und darin _ liegt die grösste Gefahr für den Fortschritt des Wissens. Wer als Sachver- ständiger den Kämpfen um den Darwinismus ‚aufmerksam gefolgt ist, wird als das wesentliche Ergebniss derselben folgendes verzeichnen:
Darwin hat uns in seiner Selektionslehre mit einem bis dahin in seiner Bedeutung völlig übersehenen Complex wirksamer Ursachen auf dem Gebiet Aes organischen Lebens bekannt gemacht, wodurch eine Masse der interessan- testen und wichtigsten Beziehungen der Organismen zu einander und der Aussenwelt und der einzelnen Theile des Organismus zu den andern in uner- erwarteter Weise klar geworden sind und die längst schon sich jedem Denker unabweislich aufdrängende De scendenzth eorie eine kaum mehr erschütter” bare Stütze gewonnen hat. Allein statt uns eine Lösung aller, auch der letzten. Räthsel zu bieten, sind wir vor die durch die näherliegenden Räthsel bisher verschleierten noch geheimnissvolleren Erscheinungen des organischen Lebens gestellt worden. So ist die oben bezeichnete Gefahr völlig beseitigt und nicht nur das: durch die Darwin'sche Lehre sind der Forschung die weitesten
Bahnen geöffnet und, wie die zahlreichen Arbeiten zeigen, nicht vergebens.
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Vorrede.
Auch noch ein Weiteres ist geschehen. Seit die Naturforschung ihre Er-
gebnisse weiteren Kreisen zu bieten angefangen hat, -fehlte es zu keiner Zeit. an Versuchen seitens gewisser Philosophenschulen , aus diesen Ergebnissen Kapital für ihre aprioristischen Spekulationen zu schlagen. Auch diese Ver- suche sind gescheitert und, wo sie noch da und dort auftauchen, von keiner erheblichen Wirkung mehr.
So freut sich jetzt die Wissenschaft der Befreiung von der Gefahr, sich als Dienstmagd destruktiver Tendenzen in Misskredit gebracht zu sehen, sowie der Niederwerfung einer Erkenntnissschranke. Darum mit den diese Klärung durch ihre Polemik fördernden Gegnern keinen Zänk! sie sind der wohlthätige Sturm gewesen, der den Baum der jungen Lehre schüttelte, ihn so kräftigte und von allen morschen Reisern befreite,
In dem Wigand’schen Buch *) jedoch haben wir eine andere Sorte von Gegnern vor uns, einen jener Zaunwächter obiger Erkenntnissschranke, der mit ihr alle die schönen Phantasien umgestürzt sieht, mit denen er die Planke ji bemalen beflissen ` war. Einsehend, dass der offene Sturmkampf nur Wasserschosse bricht und Morsches herabschleudert, jedoch den Baum nicht brechen kann, greift er zu den Praktiken des Fanatismus. Kein Mittel ver- werfend, fasst er den Baum an den Wurzeln an: er sucht den Verstand seiner Leser zu verwirren. An Fachmännern von Urtheil und Reife wird dieser Versuch wirkungslos abprallen, aber das Zeugniss muss man dem Buch lassen, abgesehen von einzelnen, nur einem unachtsamen Leser ent- gehenden Plumpheiten, ist es ein ziemlich feines sophistisches Gewebe, welches Leute, die nicht länger sich mit Methode und Inhalt der Forschung befasst haben, nothwendig verwirren muss.
Das Geständniss zweier meiner Schüler, dass sie durch das Wigand’sche Buch wirklich irre gemacht wurden, ist die direkte Veranlassung zur Abfassung vorliegender besonders gegen Wigand gerichteten Schrift. Der zweite Grund ist der: die Transmutationslehre schien mir in mehreren Punkten theils einer Modifikation, theils einer schärferen Fassung bedürftig und ausserdem lasteten
auf ihr einige Detaileinwendungen sachlicher Natur, die beseitigt werden
*) Dr. Albert Wigand, Per Darwinismus und die Naturforschung Newtons und Cuviers, Braunschweig 1874,
Vorrede. ae IN
mussten. Diese Fortbildung und Festigung der Lehre vorzunehmen, schien
mir mit obigem Zweck sehr leicht vereinbar.
Meine Schrift ist alse nur zum Theil Streitschrift, zum andern Theil ent- hält sie eine Reihe Neues, theils Erweiterungen der Theorie, z. B. hinsichtlich
des Artentodes, der constanten Arten, der geschlechtlichen Zuchtwahl, des
Fortsehvittgesetzes, des Gebrauchs etc., theils bezüglich spezieller Fragen,
z. B. Erklärung des Bienenstachels, des Windens der Pflanzen, des Pflanzen- fresserdarms, der rudimentären Ba
der expressiven Bewegungen, der Gewohnheit ete. 3
Bezüglich der Gli ederung des Wigand’sche Buch
gleichen.
Inhaltes habe ich mich ganz an das gehalten und auch die Capitelüberschriften blieben die
Was den Ton meiner Polemik betrifft, so wird vielleicht mancher
ihn zu herb finden. Auch mein Grundsatz ist, jeden persönlichen Anklang
aus ehrlichem wissenschaftlichem Streit wegzulassen , allein wenn der Gegner
zu solchen Mitteln greift, wie ich sie pag. 237 schilderte, wenn er durch das
ganze Buch das Bestreben zeigt, die Wahrheit zu verdunkeln
suchen, so hat man das Recht
, statt sie zu , seiner Entrüstung über solches Beginnen denn auf jedem Kampfplatz werden Leute faktisch oder
moralisch hinausgeworfen , die sich unerlaubter Kampfmittel bedienen: Auch der Geisterkampf hat seinen "Comment den darf. :
Ausdruck zu geben,
‚ der nicht ungestraft verletzt wer-
Sonderbar mag es erscheinen, gegen ein Buch zu polemisiren, von dem
nur der erste Band erschienen ist. Allein ich dachte, bei Vergiftungsversuchen
soll man mit Verabreichung des Gegengiftes nicht bis zum zweiten Versuch
warten, und hier kann das Gegengift auch präservativ wirken. Desshalh ist
es möglicherweise ganz überflüssig, auf den zweiten Band einzugehen.
Aus den gegen die Darwin’sche Lehre erschienenen Schriften wäre
natürlich noch Material für ein doppelt so starkes Buch zu holen gewesen,
allein der Herr Verleger und ich waren darin einig,
dass solchen Schriften, wie der
vorliegenden, keine zu grosse Ausdehnung gegeben werden dürfe, Desshalb habe ich mich mit wenigen Ausnahmen an das, was Wigand vor- bringt, gehalten. Da darunter vieles ist, was Wigand andern Gegnern ent-
lehnt, so ist der sachliche Schaden nicht gross. Endlich zwei Sorten von
VI : Vorrede.
Gegnern können wir hier mit wenigen Worten abtlıun. Von theologischer
und philosophischer Seite, z. B. von Plank, ist der Einwand erhoben worden, dass die Consequenz der Lehre, die Affenabstammung des Menschen, ent- würdigend sei. Eine derartige Aeusserung legt ein schlechtes Zeugniss von dem naturwissenschaftlichen Geiste dieser Gegner ab. Oberstes Prinzip der Naturforschung ist: naturalia non sunt turpia! Die Affenabstammung ist nicht mehr und. nicht weniger entwürdigend, als die unbestreitbaren That- sachen, dass der Embryo in seinem Urin schwimmt ‘und der Mensch noch nach der Geburt einem Schweine gleich sich in seinem eigenen Kothe wälzt. Eine andere Sorte von Gegnern, :z. Be Giebel, die gegen die Lehre nichts weiter hervorzubringen vermochten, als gelegentliche hämische oder gering- schätzige Bemerkungen und absichtliche Verdrehungen, die somit noch unter Gegnern, wie Wigand, stehen, können getrost der »natürlichen Auswahl«
überlassen werden, welche nur die produzirenden Geister übrig lässt.
Stuttgart, 15. Okt. 1874.
Gustav Jaeger.
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Inhalt.
Der Artbegriftf ; FE 1) Unveränderlichkeit der S rationen + : j i : ; : ; 2) Unveränderlichkeit der Spezies gegenüber äusseren Ein- flüssen 2 2 3) Spezies und Varietät. . Die Variabilität
Fixirung der Abänderungen durch Vererbung .
Die Häufung und d rungen Fe
Die Bedeutung der künstlie Selektionstheorie : : .
Der Kampf ums Dasein als Voraussetzu türlichen Zuchtwahl
Die systematischen Charaktere im Kampf ums Dasein
Die geschlechtliche Zuchtwahl = ; ? Die Divergenz des Charakters und die Vollkom- menheit -der Organisation Darwins Hilfse rklärungen Das natürliche System. 1) Allgemeines . i : s ' 2) Die Ausprägung des systematischen Charakters . 3) Die scharfe Abgränzung der Typen. 4) Der Classifikationscharakte 5) Die Bedeutung des genealogischen Prinzips 6) Der genealogische Zusammenhang .
7) Die systematische Verwandtschaft als Blutsverwandt- schaft 3
8) Der Fortschritt im System .
as Fortschreiten der Abände- hen Zuchtwahl für die
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r des Systems
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pezies im Laufe der Gene-
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VII . Inhalt.
XII. Die Geschichte des organischen Reichs, der Art und des Individuums ; i ; ; $ . pag. 200 1) Der paläontologische Beweis “= 000
2) Das Fehlen der Stamm- und Mittelformen in der Jetztwelt . : f j ; 3 ; Mn e 3) Der embryologische RER i = h à Eee mE
4) Ermittlung der Stammformen durch Vergle,.chung fertiger . ; ; > : - 220 Die geographische REN s F 232 Die Zweckmässigkeit in der organis Shen Fater 227 Die morphologischen Thatsachen . ; i A T | Instinkt, Sprache und geistiges Leben : ate Be; >. 1) Instinkt ; > ; : ; } i À P E 2) Die Sprache . ; . a E:; 3) Erkenntnissvermögen w Selbstbew at ; £ 254 FREE r EE Wen E 255 5) Religion ; ; 3 + : 5 : ; ; 256
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l. Der Artbegriff.
Während bei den früheren Biologen von Aristoteles an das Wort »Art,< »Spezies,« blos eine logisch formale Bedeutung ‚hatte, um Gleiches zusammenzufassen und von Verschiedenem zu trennen, wurde dasselbe von John R ayzum erstenmale zum Rang eines genetischen Begriffs. erhoben, indem er als. Kriterium spezifischer Uebereinstimmung »den Ursprung aus dem Samen »der spezifisch oder individuell identischen Pflanze« aufstellte. _ Dabei stützte er sich auf den Satz: »Welche Formen nämlich »der Spezies nach verschieden sind, behalten diese ihre spezifische »Natur beständig und es entsteht die eine nicht aus dem Samen
»der andern und umgekehrt.« Allein gleich im folgenden Kapitel desselben Buches fügt er hinzu: »Nun ist aber dieses Zeichen »der spezifischen Uebereinstimmung, obschon ziemlich constant, »doch nicht beständig und infallibel; denn dass einige Samen »degeneriren und wenn auch selten Pflanzen erzeugen, welche »von der spezifischen Beschaffenheit der mütterlichen Form ver- »schieden sind, dass es also bei Pflanzen eine Umwandlung »der spezifischen Form (transmutationem specierum) gibt, »lehren die Versuche.« EEE Aus diesen wenigen Sätzen geht hervor, dass der erste Begründer der Spezieslehre weit entfernt war, diesem Begriff . irgend etwas unterzuschieben, was nur erschlossen, nie aber beobachtet werden konnte. Das’ geschah erst durch Linné durch die Aufstellung des eine reine Behauptung bildenden Satzes: »es gibt so viele Arten, als deren ursprünglich erschaffen
Jaeger, In Sachen Darwin’s, : f
2 Der Artbegriff.
worden sind.« Wigand hat nun wohl Recht, wenn er sagt, dass dadurch dem Nachweis, wie diese Formen geschaffen worden seien, nicht vorgegriffen werde, allein Linné ging noch weiter und sagte: »Diese Formen haben nach den Gesetzen der »Zeugung mehrere, aber immer sich selbst ähnliche hervorgebracht.« Das ist nicht nur ebenfalls eine Behauptung und kein Erfah- rungssatz, sondern sobald der Artbegriff in dieser Weise einge- schränkt wird, greift man der Erfahrung vor und stellt ein Dogma auf. Wigand gibt nun auch das zu, sagt sogar, die Annahme der Unveränderlichkeit der Art sei nur eine »vorläufige, der weiteren Prüfung unterliegende,« und so sollte man glauben, er werde nichts dagegen einzuwenden haben, wenn die Trans- mutisten diese Prüfung vornehmen. Statt dessen sagt er im gleichen Athem, »sie sei nichtsdestoweniger, da sie keinem all- »gemeinen Vernunftgesetz (sic!) widerspreche, eine für den gegen- »wärtigen Standpunkt vollkommen berechtigte, ja dieallein »berechtigte Annahme.« ;
Ein solcher Ausspruch ist nicht der eines unbefangenen Kritikers, für den sich Wigand an verschiedenen Stellen auszu- geben beliebte. Eine Annahme, welche gegenwärtig von so be- deutenden Forschern wie Darwin, v. Siebold, Huxley, Gegenbaur, Leydig, O. Schmidt, Claus, Kölliker, Hyrtl, Nägeli, Hofmeister, Sachs, Hofmann, Bern. v. Gotta, Hochstetter, Schaaffhausen etc. verworfen wird, sollte doch zum mindesten als eine offene Frage behandelt werden. Doch sehen wir, womit Wigand seine Behauptung zu rechtfertigen versucht.
1) Unveränderlichkeit der Speziesim Laufe der Generationen.
Der erste Satz Wigands ist der, dass die Art im Wechsel der Generationen unveränderlich sei, und hiefür führt er fol- gendes an: |
1) »Die Eigenschaften der Eltern vererben sich auf die ge- »schlechtsreifen Nachkommen in solcher Weise, dass die Nach-
Der Artbegriff. a
»kommen gleicher Eltern sowohl mit diesen als untereinander in »höherem Grade übereinstimmen, als mit andern Pflanzen und
»Thieren, welche von den Eltern der erstern verschieden sind.«
Dieser Satz ist falsch. Nehmen wir zuerst aus den engsten Verwandtschaftsverhältnissen die Belege: Es kann Niemand be- haupten, dass die Geschwister, die einem Menschenpaare ent- sprungen sind, unter sich und mit ihren ‚eigenen Eltern mehr übereinstimmen, als mit Angehörigen: einer- andern Familie. Z. B: in meiner eigenen Familie von 6 Kindern befindet sich ein Mädchen, welches einem meiner Neffen und einer meiner Nichten mehr gleicht, als seinen Geschwistern, und ein Knabe,
welcher zwei Schwestern meiner Aa ähnlicher ist, als der letz-
teren, seiner Mutter.
Gehen wir zu weiteren Versandischaiszerhälinissen: Unter den Jungen eines Maskenschweines und eines Maskenschwein- bastarden, die ich züchtete, befand sich ein Stück,- welches einem jungen Wildschwein in weit höherem Masse glich, als seinen Geschwistern und seinen Eltern.
Auch da, wo es sich um zwei verschiedene Arten handelt, ist
der Satz falsch, trotzdem , dass Wigand durch den Beisatz »geschlechtsreif« die weitgehenden, Lebensunfähigkeit bedingenden Missgeburten auszuschliessen sich bemühte. -Auch so noch gibt es eine grosse Zahl individueller Abweichungen, wodurch ihre Träger eine grössere Aehnlichkeit mit Individuen anderer Arten,
ja Gattungen. gewinnen, als mit denen ihrer eigenen Art,
wenn auch nur in Bezug auf einzelne Merkmale. Dabei gibt es fast kein noch so wichtiges Organ, welches sich dieser Jadiy duellen Veränderlichkeit entzöge. s ;
9) Stützt Wigand die Behauptung - von der Unveränderlich- keit der Art im. Lauf der Generationen ‚auf die bekannte
Thatsache, dass viele Thierarten durch mehrere geologische Forma-
tionen hindurch sich nicht verändert haben und auf die That- sache, dass gewisse, als Mumien uns erhaltene GARR Thiere den heute lebenden noch völlig gleich sind. I
Diesen Thatsachen, dass gewisse Thierarten in sehr langer Zeit sich nicht geändert haben, stehen jetzt schon Fälle von
4 = Der Artbegriff.
Thierarten gegenüber, die sich im Lauf der Zeit evident ver- änderten und oft recht beträchtlich. In erster Linie sind die meisten Hausthiere und Culturpflanzen zu nennen, deren Ver- änderung und Veränderlichkeit Niemand bestreiten kann. Wi- gand und Genossen wollen zwar diese Veränderungen, weil durch den Menschen hervorgebracht, nicht. als definitiv gelten lassen, worüber später des Näheren gesprochen werden soll, allein zu- nächst handelt es sich nicht darum, ob die Veränderung defi- nitiv oder nicht definitiv ist, sondern «um die Thatsache der Veränderung und Veränderlichkeit gewisser Thierarten, und zu ` letzteren gehören unstreitig unsere Culturorganismen. Denn selbst wenn Wigand recht hätte, dass die abgeänderten Cultur- organismen durch die freie Natur auf ihren Urzustand zurück- geführt werden, sa wäre ja ‘das auch wieder eine Veränderung im Laufe der Generationen.
Neuerdings gesellen sich hiezu auch Thierarten, die dem freien Naturzustand nicht entzogen worden sind. Der erste der- artige Fall ist eine Süsswasserschnecke (Valvata multiformis), deren Umwandlung im Laufe der Generationen von Hilgen- dorf dargelegt wurde. Wigand ficht zwar den von Hilgen- dorf aufgestellten Stammbaum an, allein die Thatsache einer Veränderung im Laufe der Generationen kann er nicht bestreiten. Weitere Fälle sind: die durch Waagen nachgewiesene Mutation des Ammonites subradiatus, die ähnlichen Beobachtungen an Am- moniten von Würtenberger, an Arca und Pectunculus von Mayer in Zürich. Diesen Fällen werden sicher noch weitere folgen, da die Paläontologen jetzt einmal darauf aufmerksam geworden sind. Allein es kommt zunächst nicht darauf an, wie viele solcher Fälle constatirt werden können, es genügt ein ein- ziger Nachweis zur Feststellung des Satzes: es gibt natürliche Arten, welche im Laufe der Generationen yariiren.
Das thatsächliche Material für die Lösung der Frage von ‚der Veränderlichkeit der Arten ist mithin: es gibt Arten, welche im Laufe der Generationen sich: verändert haben und solche, die sich in langen Zeiträumen nicht verändert haben. Daraus kann ein unbefangener Beobachter
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Der Arthegriff. | g
nur den Schluss ziehen, dass die Arten sich in puncto
Veränderlichkeit sehr erheblich unterscheiden. Statt
dieser natürlichen Schlussfolgerung macht sich auf beiden Seiten,
sowohl bei den Transmutisten als ihren Gegnern, den Anhängern
der Gonstanztheorie (wir wollen sie Constanzianer nennen), der Dogmatismus, dieses Grundübel der Gelehrten, breit. Die Constanzianer sagen: die Veränderungen der ' Hausthiere sind nicht definitiv, sie würden rückgängig gemacht, sobald man die
freie Natur walten liesse, und den Abänderungen in der freien-
Natur gegenüber behaupten sie, dass dieselben über ein gewisses Mass nicht hinausgehen, was sie auch bei der individuellen Va- riation annehmen. Ausserdem seien alle diese Fälle so wenig zahlreich, dass man sie ignoriren könne, und so kommen sie zu
dem Dogma: die Art, d. h. alle Arten sind unveränderlich und jene: kleinen Schwankungen gleichen nur den Schwingungen
eines Pendels, der trotzdem unverrückt am gleichen Punkte haftet. ing Umgekehrt verfallen’ die Transmutisten in den gleichen Dog-
matismus. Weil gewisse Thierarten sich im Laufe der Zeit ver-
änderten, behaupten sie, jenen stationären Arten haben eben die äusseren Bedingungen gefehlt, um sich zu ändern, mithin
beweisen sie nichts gegen die Veränderlichkeit und stellen ihrer- j
seits das Dogma auf: die Art, d. h. alle Arten sind ver- änderlich. Ñ ; Ich gestehe offen, dass ich selbst seraume Zeit zu pat Dog- matikern der Veränderlichkeit gehört habe und erst sorgsame Prüfung hat’ mich zu folgender Anschauung gebracht.
Es gibt ohne Zweifel thatsächlich unveränder- bare Arten im Sinne der Constanzianer; Arten, bei denen es heisst: sint, ut sunt, aut non sint, d. h. die, in-andere
Verhältnisse gebracht, als diejenigen sind, die ihrer Natur ent- - Sprechen, eben einfach zu Grunde gehen, ohne. > etwas '
Neues aus sich 'zu erzeugen.
Eben so unzweifelhaft gibt es Arten, welche einer | Abänderung mehr oder weniger zugänglich sind, die | in andere Verhältnisse gebracht, sich accommodiren und in letzter l
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6 Der Artbegriff.
Instanz so, dass sie ihren alten Vorfahren gegenüber als neue Spezies aufgefasst werden dürfen.
Die Gründe für diese Auffassung der Abänderungslehre er- laube ich mir in folgendem etwas ausführlicher zu geben. `
In erster Linie spricht hiefür die tägliche Erfahrung, die man mit den Individuen derselben Art und Rasse bei Menschen und Hausthieren macht. Am auffälligsten ist es þer ersteren auf dem psychischen Gebiet. Jeder Pädagoge weiss, dass es bildsame und nicht bildsame Kinder gibt, sowohl in Bezug auf den Intellekt, als in Bezug auf die Führung: auf der einen Seite die sogenannten unverbesserlichen Faullenzer und Taugenichtse, bornirte Köpfe und störrige Naturen, auf der an- deren Seite die Lernköpfe, die Fleissigen und die Folgsamen. Dass diese Gegensätze nicht erst Produkt der Erziehung sind, sondern dass man es mit einer der Erziehung grösseren oder geringeren Widerstand leistenden Naturanlage zu thun hat, lässt sich durch Beobachtung leicht ermitteln. Dieselbe Erfahrung macht der Jurist und Polizist: es gibt schmiegsame Naturen, die noch im erwachsenen Zustande eine gewisse Bildsamkeit be- wahren, und verstockte Naturelle, die jeder Besserung und Be- lehrung trotzen. Endlich wer kennt nicht in der Politik den Gegensatz zwischen ģen verbissenen, jeder Belehrung, sei es durch Worte, sei es durch Thatsachen unzugänglichen Quer- köpfen, die einer politischen Neugestaltung gegenüber nur sterben können, und denen, welche den veränderten Verhältnissen Rechnung tragen und sich in sie zu schicken wissen. Die- selben Erfahrungen können auch bei unseren Hausthieren ge- macht werden, was schon der Sprachgebrauch beweist, denn man spricht bei ihnen ebenso von störrigen Bestien, an denen Hopfen und Malz verloren ist, als- von gelehrigen, frommen und folgsamen Individuen. — l
Auch auf dem physischen Gebiet bestehen dieselben indi- viduellen Unterschiede, z. B. in Bezug auf die Mastfähigkeit, Trainirungsfähigkeit ete. So ist z. B. bekannt, dass es Indivi- duen unter Mensch und Vieh gibt, bei denen »das Futter nicht anschlägt,« während andere sich leicht und schnell mästen. Bei
Der Artbegriff. x Be.
gewissen Individuen erzeugt Muskelgebrauch -leicht eine Massen- zunahme und Kraftzunahme der Muskulatur, bei andern schwer. In zweiter Linie begegnet man denselben Unterschieden in
der Form von Rasseneigenthümlichkeiten. - Unter den
Menschenrassen stehen den bildsamen, gelehrigen, in alle Sättel gerechten, sogenannten »Culturrassen,« wie den Indogermanen, Semiten ete., die starren und desshalb dem Untergang verfallenden
Indianer, Melanesier, Buschmänner etec. gegenüber, und die
neuesten Erfahrungen in Nordamerika zeigen zur Genüge, wie tief sich in diesem Punkte Neger und Weisse unterscheiden.
Dasselbe finden wir bei den Hausthierrassen: z. B. bei den
Hunden haben wir im Dachshund, Windspiel, Buldogge ete. auf der einen Seite, Pudel, Vorstehhund ete. auf der andern Seite dieselben psychischen Gegensätze. |
In dritter Linie kommen die Arten. Schon ein Blick auf unsere Hausthiere lehrt uns, dass die morphologische Bild- samkeit derselben durchaus nicht gleichgradig sein kann. Aller- dings muss man dabei behutsam sein: die grossen Unterschiede in der Rassenzahl, wie sie z. B. zwischen der Haustaube und
der Hausgans bestehen, kommen gewiss zum grossen Theil auf.
Rechnung des Umstandes, dass der Mensch bei den einen (Taube, Hund) vielerlei verschiedene Züchtungsziele verfolgte, und so die grosse Rassenspaltung zuwege brachte, während er bei andern (Gans, Ente, Pfau etc.) nur einerlei Züchtungszwecke vor Augen hatte. Allein daneben sind wir. doch noch zu der Annahme ge- zwungen, dass eine Spezies nur dann in zahlreiche weit ausein-
anderliegende Rassen gespalten werden kann, wenn sie von
Hause aus bildungsfähig ist, und umgekehrt, dass Thiere, die so wenig sich in der Hand des Menschen verändert haben, wie Pfau, Gans, Ente etc., diess zu einem nicht geringen Theil Auer unbeugsamen Natur Br A
Der Grund für diese Annahme liegt einerseits, in dem, was wir bezüglich solcher Differenzen sonst beobachten können und
von mir oben und im Verfolg namhaft gemacht wird. Anderer- seits liegt es in der Natur des künstlichen Züchtungsvorgangs.
Da ich später darüber ausführlich zu handeln haben werde, so
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8 - | Der Artbegriff.
begnüge ich mich mit der Andeutung, dass wir bei Hausthieren und Culturpflanzen keine Rasse schaffen können, es uns gar nicht einfällt, eine zu schaffen, wenn die fragliche Art nicht durch ' eine in dieser Richtung liegende individuelle Variation den nö- thigen Wink und Anhaltspunkt gibt. Z. B. wäre es dem Menschen eingefallen, eine schwanzlose Hühnerrasse zu züchten, wenn nicht ein in dieser Richtung abnormes Individuum ihm dieses Züchtungsziel nahe gelegt hätte? oder eine Pfauentaubenrasse zu erzeugen, wenn nicht ein Individuum mit überzähligen Schwanz- federn die Möglichkeit einer solchen Rassenbildung gezeigt haben. würde? Ich verweise in dieser Beziehung noch auf das unten angeführte Beispiel von den Eichenseidenraupen.
Wenden wir uns zu den wilden Thierarten. Hier steht obenan die Thatsache, dass die Variabilität bei verschiedenen 2 Arten nach Qualität und Quantität beträchtliche Unterschiede aufweist. Auf der einen Seite gibt es Arten, bei denen es ausser- ordentlich schwierig hält, auch nur Ein abweichendes Individuum aufzutreiben, auf der andern Seite stehen solche, die theils mehr oder weniger constante Variationen, theils ein nahezu planloses Variiren auf weiter Skala aufweisen, so in der Grösse z. B. manche Holzkäfer (Apate capucina, Hylocoetus dermestoides), in der Färbung manche Coceinelliden (Coce. variabilis, C. dispar, Epilachna glo- | bosa etc.) und Chrysomeliden (Lina lapponica ete.). Bei genauerem | Eingehen findet man diese Gegensätze fast in jedem artenreichen | Genus, nämlich neben vielen sehr constanten Arten eine oder \ einige variirende. gab o A Hiezu kommen “die Erfahrungen, die man bei der Accli- matisation wilder Thierarten und bei ihrer Versetzung in die Gefangenschaft macht. Ich habe über die Acclima- tisationsfähigkeit und die hiebei bestehenden constitutionellen Unterschiede in meinem Werke »Skizzen aus dem Thiergarten« pag. 360 und 365 ausführlicher gesprochen und einen Theil der- selben auf äussere Ursachen zurückgeführt. Allein mögen die constitutionellen Unterschiede herkommen, wo sie wollen, That- sache ist, dass Thierarten derselben Gattung, und Thierarten des gleichen Landes und Standortes bezüglich Acclimatisations-
- Der Artbegriff, Bf 9
fähigkeit und Resistenz gegen die, Gefangenschaft sehr verschieden sind: die einen ertragen die Gefangenschaft gar nicht, andere ` kann man zwar halten, allein nicht fortpflanzen, und eine letzte Gruppe bewahrt nicht nur das Leben, sondern auch die Fort- pflanzungsfähigkeit unter derartig veränderten Verhältnissen. Auch auf die Unterschiede in der Zähmbarkeit muss aufmerk- sam gemacht werden: der Löwe ist sehr leicht, der nah ver- wandte Tiger fast gar nicht zu zähmen, ähnlich verhalten sich Edel- und Hausmarder zu Wiesel und Iltis, ERREN und Mur- melthier zu Hamster etc. -
Ein interessantes Beispiél haben mir in den letzten Jahren zwei äusserst ähnliche Schmetterlingsarten gegeben: Antherea yama-mai und A. mylitta var. Pernyi, beides eichenfressende,
_ haspelbare Cocons liefernde Seidenraupen. Die erstere Art,
welche die für Mitteleuropa sehr missliche Eigenschaft hat, schon Mitte April als Raupe aus dem Ei zu schlüpfen, also zu einer Zeit, in welcher die Eiche noch nicht belaubt ist, hat bis jetzt siegreich allen Versuchen getrotzt, durch Anwendung von Kälte ihre Ausschlüpfzeit weiter hinauszuschieben: die Eier gehen eher zu Grunde, als dass sie sich auch nur um einige Tage aufhalten lassen. Im Gegensatz hiezu ist die andere Eichenraupe (Pernyi) von mir innerhalb vier Jahren bezüglich ihrer Entwicklungsperioden vollständig umgezüchtet worden. Von Hause aus bivoltin, d. h. in Einem Jahre zwei Generationen ausführend, habe ich sie in
. einen Univoltiner umgewandelt und ausserdem die erste, jetzt
einzige Generation, die sonst in den Monaten Mai, Juni und Juli sich abwickelte, auf die Monate Juli, August und September verlegt, also um volle zwei Monate hinausgeschoben. Hiebei bemerke ich mit Bezug auf das pag. 7 alinea 3 Gesagte: die Idee zu dieser Umzüchtung tauchte desshalb in mir auf, weil im ersten Zuchtjahre einige wenige Individuen univoltin blieben, während die grosse Mehrzahl bivoltin sich entwickelte.
Der entscheidendste Punkt scheint mir endlich folgender zu. sein. Wenn sich alle Arten in der von den Transmutisten auf- gestellten Form gleich rasch umgewandelt und durch Divergenz | in mehrere Arten zerspalten hätten, so müsste das Thier-
‚10 Der Artbegrift.
reich ein ganz anderes Aussehen haben, als diess thatsächlich ‚ der Fall ist.
Fürs erste müsste selbst bei den His Voraussetzungen die Zahl der Spezies eine viel grössere sein, als sie es thatsächlich. ist. Nehmen wir beispielsweise für die Divergenz einer Art inzwei Arten den gewiss sehr respektabeln Zeitraum von 100,000 Jahren an. Wenn nun nach jedesmal 100,000 Jahren sämmtliche Arten sich verdoppelten, so wären aus Einer Thier- art nach Verfluss von 1 Million Jahren 21% — 1094 oder rund 1000 Arten, nach 2 Millionen Jahren 1000.1000 = 1 Million Arten, nach 3 Millionen Jahren = 1000 Millionen, nach 4 Mil- lionen Jahren eine Billion Arten geworden etc. Da die Geo- logie der Thierwelt ein noch viel höheres Alter. geben zu müssen glaubt, so kämen wir zu einer Zahl, welche die thatsächliche Artenzahl, .die auf 200,000 geschätzt wird, um Unendliches übertrifft. | ae. ai :
Fürs zweite wäre die ganze Anordnung des Systems eine andere, wenn alle Arten jederzeit in gleicher Weise pro- duktiv gewesen wären. In diesem Fall müsste jedes Genus we- nigstens annähernd gleichviel Spezies, jede Familie‘ gleichviel Genera, jede Ordnung gleichviel Familien etc. haben. Die That- sache, dass es artenreiche Gattungen neben artenarmen, dass es Familien gibt, die nur durch wenige Arten, und andere, die durch deren Tausende repräsentirt werden, steht in voller Har- monie mit den oben aufgeführten Unterschieden: die einen Formen sind die bildsamen, die andern die unnachgiebigen.
Diese Auffassung findet ihre völlige Bestätigung durch die Paläontologie. Wo uns die letztere über artenarme Thier- gruppen der Jetztwelt Aufschluss geben kann, erfahren wir, dass dieselben in der Vorzeit eine weit grössere Artenzahl aufgewiesen haben: z. B. die vierkiemigen Cephalopoden, die Crinoideen, die Ganoidfische ete. Das sind also diejenigen Thierabtheilungen, unter welchen der Artentod gehaust hat, die dahin- gestorben sind, weil ihnen die Bildsambeii: abging: sint, ut sunt, aut non sint. 2
Die Thatsache, dass eine fossile Art jetzt nicht mehr vor-
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Der Artbegriff. ; 11
handen ist, lässt eine doppelte Erklärung Zu: 1) sie kann wirk- lich verschwunden sein, indem sie ohne Descendenz zu Grunde ging, 9) das Verschwinden ist nur ein scheinbares, weil die Descendenz eine ‚spezifisch andere geworden ist. Der ersten
Form des Aussterbens fallen die unnachgiebigen Formen, die
guten, d. h. unveränderlichen Spezies zum Opfer; der zweiten die plastischen, und nur die letzteren sind. es, welche den Zu- sammenhang der Faunen der verschiedenen Erdepochen aufrecht erhalten haben. sb a j
Die Transmutisten haben bisher die doch gewiss feststehende Thatsache des faktischen Artentods viel zu sehr vernachlässigt. Wenn es richtig wäre, dass allen Thierarten die Fähigkeit inne- wohnte, sich allmählig neuen Verhältnissen zu accommodiren, so wäre ja der faktische Artentod unmöglich, ausser man würde zu der mit Recht verlassenen Katastrophentheorie zurückkehren und annehmen, dass neue Verhältnisse stets plötzlich hereinge- brochen seien. Mit Recht haben einzelne Paläontologen, z. B.
. Barrande, darauf hingewiesen, dass nach der Transmutations-
theorie die Artenzahl bei einer "Thiergruppe stetig zunehmen müsse, während thatsächlich die Paläontologie ein Anschwellen
und ein Abschwellen derselben oft in mehrfacher Folge nach-
weist. JE | Diese Schwierigkeit besteht nur, wenn man die Theorie von der allgemeinen Veränderlichkeit aufstellt, sobald man aber
— wie oben gezeigt wurde, im vollen Einklang mit den That-
sachen — zwischen veränderbaren und absolut constanten Arten unterscheidet, so löst sich die Sache in der befriedigendsten Weise auf. | |
Zuerst fragt es sich, in welcher Beziehung diese beiden Sorten von Arten zu einander stehen, und da ist entschieden
die plausibelste, in ähnlicher Weise von Weissmann aufge- jat
stellte Annahme, dass in der Geschichte der Spezies zwei Ent- wicklungsphasen vorkommen: eine der Variabilität oder besser gesagt Plastizität und darauffolgend eine Phase der Im-
' plastizität, d. h. der absoluten Constanz. In Bezug auf die ur-
sächlichen Momente können wir die Hypothese aufstellen: je
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en a a a aR a A amenna:
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12 í Der Artbegriff.
länger und strenger eine Art durch die Momente der natürlichen Zuchtwahl auf einem ganz genau bestimmten Adoptionsverhält- niss festgehalten wird, desto mehr nimmt ihre Bildsamkeit ab und es tritt schliesslich eine Art Wendepunkt ein, nach dessen Ueberschreitung eine Biegsamkeit absolüt aufhört.
Wir kommen somit zur selben Auffassung von der Ge- schichte der Spezies, wie sie schon lange vor Darwin viele Paläontologen, namentlich Bronn, ausgesprochen haben, indem sie die Geschichte der Art vergliechen mit der Geschichte des Individuums, d. h. sie als einen Lebenslauf aus Jugend, Reife- stadium und Greisenalter ansahen, den der Tod beschliesst. Wir hätten diese Auffassung jetzt nur dahin zu präzisiren, beziehungs- weise zu modifiziren: ;
In der ersten Zeit nach ihrer Entstehung (wie sie entstan- den, ist hier gleichgiltig) gleicht der Zustand der Art dem Ju- sendzustand des Individuums, dessen hervorstechendste consti- tutionelle Eigenthümlichkeit eine höhere Plastizität ist. Verharrt . die Art sehr lange unter absolut gleichen äusseren Züchtungs- | verhältnissen, so ändert sich die constitutionelle Beschaffenheit der Individuen in ähnlicher Weise, wie beim Uebergang des Individuums aus dem jugendlichen in den erwachsenen Zustand, d. h. sie verlieren die Plastieität, und das Endresultat ist das Aussterben der Spezies selbst bei geringfügiger äusserer Veran- lassung. Erfolgt dagegen bei der Spezies (oder einem Theil ihrer Individuen) in ihrer ersten plastischen Periode ein Wechsel der äussern Bedingungen, also eine Verrückung des Ziels der natür- lichen Züchtung, so accomodirt sich dieselbe nicht nur der neuen Anforderung durch entsprechende funktionelle und morphologische \ Abänderung, sondern diese Veränderung hat einen ver- | jüngenden Einfluss auf die Art. Letztere Behauptung stützt | sich auf Erfahrungen, die man sowohl an den Individuen, als/ an den Generationen machen kann. Angemessener Beschäfti- gungswechsel, Luftveränderung, bei der Pflanze das Versetzen, kurz alle Wechsel der äusseren Bedingungen haben auf das In- dividuum einen belebenden verjüngenden Einfluss. Was die Generationen betrifft, so wissen wir, dass bei den Pflanzen fort-
~ -anaa e r
me
Der Artbegriff. 13
dauernde Züchtung mit dem eigenen Saatgut die Constitutions-
kraft der Pflanze, insbesondere zunächst ihre Fruchtbarkeit herab- -
mindert, während Saatgutwechsel eine verjüngende, die Consti- T und Fruchtbarkeit erhöhende Wirkung hat. Bei der Thierzucht wird das schädliche Inzuchtverhältniss nicht bloss
durch nahe Verwandtschaft ‚hergestellt, sondern auch durch
langen Aufenthalt unter ganz gleichen Existenzbedingungen. Umgekehrt kann man z. B. bei Hunden ohne jeden Nachtheil Geschwister paaren, sofern man sie in der Jugend trennt und beide an klimatisch, und was die Haltung betrifft, ganz andere
Verhältnisse bietenden Oertlichkeiten aufzieht. Diese Erschei- _ Nungen gestatten die Annahme, dass jene Momente, welche zu } bleibender Abänderung einer Art führen, auf die Individuen | \_/
einen ähnlich verjüngenden Einfluss ausüben, wie die Blutauf- Mischung und der Bodenwechsel. | Für das Verständniss des Schicksals der Art im Laufe der Generationen muss weiter auf Folgendes hingewiesen werden. Die Inzucht mit ihren nachtheiligen Folgen in Bezug auf Fruchtbarkeit und Constitutionskraft tritt bekanntlich unter Ver-
hältnissen ein,. bei welchen wir Grund haben, eine zu grosse
constitutionelle Gleichheit der beiden Erzeuger anzunehmen: eine Gleichheit, die entweder von Blutsverwandtschaft oder von langer Einwirkung gleicher Lebensbedingungen herrührt. Wenn wir nun unter diesem Gesichtspunkt die variabeln Spezies mit den wenig oder gar nicht variirenden vergleichen, so müssen: wir sagen, dass die letzteren in einem gewissen ihre Constitutions- kraft schwächenden Inzuchtverhältniss stehen wegen der grossen Gleichheit ihrer Individuen, während bei dem variabeln durch das Nebeneinander der Varietäten die stete Gelegenheit zu ver- Jüngender Blutaufmischung gegeben ist. Damit stimmt in auf- fallender Weise die Beobachtung unserer Hausthiere: die so sehr constanten Pfauen, Goldfasanen, Silberfasanen und Gänse sind
_ viel zärtlicher, namentlich in ihrer frühesten Jugend, als Tauben ' und Hühner, und wie enorm unterscheiden sich nur die Haus-
hühner und Pfauen sammt-Fasanen in puncto Fruchtbarkeit !
Daraus folgt natürlich, dass constante Arten, weil durch Inzucht
t
14° | Der Artbegriff.
geschwächt, dem Artentod mehr ausgesetzt sein werden, als variable. Damit stimmt, dass Arten, die durch Variabilität aus- gezeichnet sind, fast immer auch sogenannte gemeine, d.h. sehr individuenreiche Arten sind. |
Hieraus ergibt sich ein neues Moment bezüglich des Schick- sals der Art im Laufe der Zeit. Lebt eine Thierart unter so strengem äusserem Zuchtzwang, dass sie ihre Kopfzahl nicht er- heblich vermehren kann und ihre Neigung zur Variation allmäh- lich unterdrückt wird, weil jede Abweichung von einer ganz genau bestimmten Qualität ausgemerzt wird, so tritt die Spezies früher in jenen Zustand der Inzucht als da, wo die Variabilität und das Anwachsen der Kopfzahl auf geringere äussere Hinder- nisse stösst. Also Constanz und Variabilität, mithin geringere oder grössere Constitutionskraft und frühere oder spätere Aus- sicht auf das Erlöschen der Art werden in hohem Grade durch die äusseren Existenzbedingungen beeinflusst. 2
Damit sind wir jedoch noch nicht zu Ende. Nach dem be- kannten, auch von Wigand pag. 7 anerkannten Satze, dass jede Wirkung sofort wieder zur Ursache wird, führt die Inzucht nach den allgemeinen Erfahrungen der Thierzucht an und für sich zu grösserer Gleichartigkeit der Nachkommenschaft. Darunter -haben wir nun nicht nur morphologische Gleichheit, sondern auch grosse Uebereinstimmung in Neigungen, Trieben und Ge- wohnheiten nebst grosser Hartnäckigkeit im Festhalten aller dieser Merkmale zu verstehen. |
Nehmen wir jetzt an, es trete eine der Natur einer solchen
constant, d. h. unplastisch gewordenen Spezies widrige Aenderung der Existenzbedingungen ein, so wird dadurch nicht etwa das ganze von der Spezies bisher bewohnte Territorium unbewehnbar. Z. B. wenn die Feuchtigkeit abnimmt, so werden diess nur die - trockenen Stellen, nimmt die Wärme ab, so wird das Thier bei hügliger Bodenbeschaffenheit auf die sommerlichen Abhänge ein- geengt etc, Oder treten neue Feinde auf, so muss eine solche Art sich mit den geschützteren Lagen begnügen kurz, in. allen Fällen nimmt das Terrain und damit die Kopfzahl ab. Die Art wird seltener und individuenärmer und was endlich die Haupt-
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Der Artbegriff. 15
sache ist: der vorher zusammenhängende, die freie Mischung der Individuen ermöglichende Verbrei- tungsbezirk wird in getrennte Parzellen‘ zerlegt, zwischen denen der sexuelle Verkehr erschwert oder
unmöglich gemacht wird. In diesem Augenblick kommt.
die Inzucht in noch viel gesteigerterem Masse zur Geltung und die Constitutionskraft sinkt noch weiter. Damit steht die jedem
aufmerksamen Thiergärtner bekannte Thatsache im Zusammen- 5
hang, dass seltene, d. h. individuenarme Spezies in
der Gefangenschaft schwieriger zu halten sind, als
häufige (z. B. Haselhuhn contra Rebhuhn), isolirt lebende schwieriger, als solche, die sich wenigstens zeit-
weise rudeln, z. B. Waldschnepfe contra Strandschnepfen ; | endlich sogenannte »monomane,« d. h, an ganz bestimmte
enge begrenzte Lebensbedingungen geknüpfte Arten schwieriger als »universelle:« z. B. unter den Bachstelzen ist die schwefel- gelbe auf Gebirgsbäche beschränkte Art (Motacilla sulphurea) entschieden zärtlicher, als die allerwärts am Wasser und über- diess noch als Feldvogel lebende weisse Bachstelze (Motacilla ; alba). ; or S | Rekapituliren wir jetzt unsere Aufstellungen bezüglich des Verhaltens der Art im Laufe der Generationen.
- 1) Wir erblicken einen Gegensatz zwischen. we en, "unver- änderlichen Arten und andern, die mehr oder weniger rasch sich im. Laufe der Generationen verändern. ý
2) Daraus schliessen wir: jede Art durchläuft in ihrer Ge- Schichte zwei Phasen: eine erste Variabilitäts-, beziehungsweise
Plastizitätsphase und eine zweite, die Phase der Constanz oder. |
Implastizität, an deren Schluss das Erlöschen der ‚Spezies, der Artentod, steht. R
-3) Nur in der ersten Phase kann eine Art sich in neue Arten spalten oder durch Waffenvervollkommnung überhaupt sich abändern. | l
4) Geschieht letzteres, so hat die ara verbundene Verände- rung der Existenzbedingungen den Werth einer Blutaufmischung,
16 Der Artbegriff.
d. h. sie erhöht die Constitutionskraft und somit die Dauer des Artenlebens.
5) Den gleichen Werth einer Eiiitaugfuikschiitg hat es für die Art, wenn sich einer bei ihr vorhandenen Neigung zur Variabilität keine der natürlichen Serei entspringenden Hin- dernisse entgegen stellen.
6) In die Phase der Constanz tritt eine Art durch alle Ein- flüsse, welche möglichste Gleichmachung der Descendenz an- streben. Diess führt zu einer in der grossen Gleichheit der In- dividuen begründeten Inzucht, die selbst wieder zu einer gleich- machenden Ursache wird.
7) Wird eine solche durch Inzucht constant gewordene Art durch äussere widerliche Einflüsse in ihrer Kopfzahl beschränkt und ihr Territorium in unzusammenhängende Parzellen gespalten, so tritt die Inzucht in ihr höchstes Stadium und damit ist die Art reif zum Erlöschen.
Ich glaube, dass die hier vorgetragene Auffassung vom zeit- lichen Verlauf der Transmutation ein nicht unwesentlicher Fort- schritt der Transmutationslehre ist. 1) Werden durch sie eine Reihe von Einwürfen, welche gegen die Transmutation erhoben wurden, beseitigt, 2) schmiegt sie sich in vollkommener Weise einer Menge von Thatsachen an, die bei Annahme einer allge- meinen und jederzeit vorhandenen Transmutationsfähigkeit un- verständlich sind, z. B. der Unterschied zwischen constanten und variirenden Arten, zwischen gemeinen und seltenen, zwischen kräftigen und schwächlichen, zwischen aussterbenden und sich fortentwickelnden Arten. 3) Steht sie im Einklang mit Erfah- rungen bei der künstlichen Zucht, die man bisher bei den natür- lichen Züchtungsvorgängen ignorirt hat.
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2) Unveränderlichkeit der Spezies gegenüber a äusseren Einflüssen,
Einen zweiten Beweis für das Dogma der absoluten Unver- änderlichkeit der Art will sich Wigand aus dem Verhalten derselben gegen die äusseren Einflüsse holen. Allein auch in
eh
Bi:
Der Artbegriff. : sp7
diesem Punkte zeigt eingehende Betrachtung dieselben Unter- schiede, wie wir sie im vorigen Abschnitt gefunden haben; plastische und nichtplastische Formen. Zum Beweis dessen nur einige Beispiele. 4
Betreffend die N tee bemerkt man,
` wie schon pag. 6 gesagt, einen’ Gegensatz von mastfähigen Thieren und solchen, bei denen eine Mästung schwierig oder gar
nicht gelingt. Bei wilden Thierarten äussert sich diess darin: es gibt Arten, namentlich unter den Insekten, welche sich in
der Körpergrösse sehr variiren lassen, je nach der Reichlichkeit
der Fütterung während ihrer Entwicklung, z. B. Bienen, Holz- käfer etc., bei andern gelingt diess durchaus nicht, weil sie bei kümmerlicher Nahrung sofort sterben, einen Ueberschuss zurück- weisen.
Von der Nahrungsqualität gilt dasselbe: einmal gibt es Thiere, die eine veränderte Nahrung absolut zurückweisen
‘und lieber verhungern, andere nehmen sie an und zwar, ohne dass sie selbst dadurch eine erhebliche qualitative Abänderung
erfahren würden, während bei anderen unzweifelhafte Verände- rungen eintreten. So weiss jeder Raupenzüchter, dass er bei manchen Arten, z. B. der gemeinen Bombyx caja, durch Aende- rung des Futters Farbenspielarten erzielt, während bei andern Raupenarten diess nicht gelingt. Bei Distelfinken beobachtet man bei ausschliesslicher Hanfsamennahrung eine Schwärzung des Gefieders; Arsenikzusatz zur Nahrung verleiht dem Pferd ein glattes-glänzendes Haar; Holmgreen bewirkte bei Tauben durch consequente Fleischfütterung erhebliche Veränderung in der Be- schaffenheit des Gefieders, des Magens, der Aüsdänstung und der Gemüthsart ete. ete. 3
Aehnlich verhält es sich mit den Wärmeunterschieden: Es gibt Thierarten, welche schon durch geringfügige Schwan- kungen aufs tiefste alterirt werden. Im allgemeinen gilt diess von vielen kaltblütigen Thieren: in der Wärme rasch, lebhaft, fresslustig, scheu, verfallen sie bei Abnahme der Wärme um wenige Grade in einen torpiden Zustand, verweigern die Nah- rungsaufnahme, lassen sich mit den Händen greifen und sterben
Jaeger, In Sachen Darwin’s. 9
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18 * Der Artbegriff.
sehr bald. Andere, namentlich die Warmblüter (Vögel und Säugethiere), ertragen grosse Temperaturunterschiede, ohne in ihren Funktionen wesentlich alterirt zu werden. Was die mor- phologischen Verhältnisse betrifft, so gibt es unstreitig Arten, die unter sehr verschiedenen Wärmegraden ihre Natur unver- ändert bewahren, aber ebenso unstreitig solche, welche Wärme- schwankungen mit Abänderungen beantworten. So ist bekannt, dass Pferde und Kühe, die Winters in der Nähe der Stallthüre ihren Stand haben, also der durch letztere eindringenden Kälte mehr ausgesetzt sind, als ihre übrigen Stallgenossen, längere, dichtere und struppige Behaarung bekommen; weiter, dass Thiere, die unter ungünstigen Wärmeverhältnissen aufwachsen, z. B. Haushühner, in der Körpergrösse zurückbleiben, ohne dass das eine für alle Arten geltende Erscheinung wäre. Als gegenthei- ligen Fall führe ich die Laubfrösche in dem Orchideenhause meines Freundes Dr. Beer in Wien an, die in dieser constanten tropischen Wärme die volle Grösse einer Rana esculenta erreicht haben. Bekannt ist weiter, dass gewisse alpine Zwergformen von Pflanzen, in. die Ebene versetzt, einen hohen Wuchs be- kommen, die Behaarung ihrer Blätter sich vermindert etc., wäh- rend andere Alpenpflanzen, in die Ebene versetzt, ihre Natur völlig unverändert bewahren.
Ich verzichte darauf, durch Beispiele darzuthun, dass diese - Verschiedenheit in der Accommodationsfähigkeit an äussere Um- stände ebenso wie die Veränderungsfähigkeit im Laufe der Ge- nerationen nicht blos zwischen verschiedenen Arten besteht, sondern auch zwischen verschiedenen Rassen Einer Art und zwischen den verschiedenen Individuen Einer Spezies.
Wenn also Wigand pag. 16 sagt, »der Charakter der »Spezies erscheine als etwas dem Organismus Inhärentes, nicht »von aussen Bestimmtes und Abzuänderndes, und unter Einflüssen, »welche diesem Charakter widerstreiten, werde der Organismus »zu Grunde gehen, aber nicht seinen Charakter aufgeben,« so ist das ein einseitiges, weil nicht allgemein gültiges Urtheil. Uebrigens gestehe ich offen, nicht zu begreifen, wie Wigand hier die Unveränderlichkeit den äusseren Einflüssen gegenüber
Der Artbegriff. 19
behauptet und pag. 24 gelassen von »Standortsvarietäten« spricht, »welche beweisen, dass mit einer Veränderung der Lebens- »funktionen auch eine Veränderung der äusseren Gestalt verbun- den ist.« 3 ;
Ein gewisses Licht wird über diese Unterschiede durch das Verhalten des Thierkörpers gegen die Wärme verbreitet. Eine Gruppe von Thieren, die wir desshalb Warmblüter heissen (Vögel und Säugethiere), wissen ihre Körperwärme auch unter den verschiedensten äusseren Temperaturen auf derselben Höhe zu erhalten; andere Arten, die wir desshalb kaltblütig nennen, sind diess nicht im Stande: ihre Körperwärme sinkt und steigt mit der des umgebenden Mediums, wenn auch nicht in ganz gleichem Betrag. Diess Verhalten der Warmblüter erklärt die Physiologie daraus, dass diese Thiere im Besitz sogenannter Wärmeregulatoren sind, über die in jedem Handbuch der Physiologie das Nähere nachgelesen werden kann. Die Kaltblüter sind nun zwar in dieser Hinsicht nicht direkt geprüft, allein man wird aus dem Erfolg schliessen dürfen, dass ihnen diese regulatorischen Vorrichtungen mangeln, oder dass sie unvoll- kommener arbeiten. Die Physiologie hat weiter gegründete Ur- sache, von Wachsthumsregulatoren zu sprechen, und ich stehe
‚nicht an, zu behaupten, dass wir von Feuchtigkeitsregulirung,
von regulatorischen Einrichtungen bezüglich Nahrungsqualität und -Quantität, ja bezüglich aller Bedingungen sprechen dürfen, die einen Organismus von aussen beeinflussen können. Je voll- kommener diese Regulirungseinrichtungen bei einem Individuum oder einer Art oder einer ganzen Thier- gruppe sind und funktioniren, desto unabhängiger ist
_ es von dem betreffenden Einfluss und umgekehrt. ;
Weiter muss hiezu bemerkt werden: die Erfahrung an
Mensch und Thier zeigt, dass die Regulirungsvorrichtungen nicht
etwa unveränderlich sind, sondern durch Erziehung zu vollkom- mener Leistungsfähigkeit ausgebildet werden können. Das beste Beispiel ist die Beseitigung der Echauffementsursachen durch die Trainirung, über welche ich in einem Aufsatz: »Die menschliche
20 Der Artbegriff.
,
Arbeitskraft und die militärische Trainirung«*) ausführlicher ge- äussert habe, wesshalb ich hier nur darauf verweise.
Durch eine Beachtung der Umstände, unter welchen bei einem Individuum, die regulatorischen Einrichtungen sich vervoll- kommnen, kommen wir auch zu näherer Einsicht in die ursäch- lichen Momente, die obigen Unterschieden zu Grunde liegen. Wir wollen uns hiebei hauptsächlich an die Wärme halten, weil diese vergleichsweise am besten studirt ist und weil hier in den warmblütigen und kaltblütigen Thieren der Gegensatz am schönsten ausgesprochen ist. In der Hauptsache darf ich hiebei auf meine ziemlich ausführliche Darlegung der Entstehung der W armblütig- keit in meinen »Skizzen aus dem Thiergarten« pag. 318 ff. ver- weisen**) und will daraus nur kurz folgendes verallgemeinernd rekapituliren. Ä |
Die Entstehung sowohl als die Ausbildung regulatorischer Apparate tritt dann ein, wenn der Reiz, um welchen es sich handelt, z. B. die Wärme, viele und bedeutendere Dichtigkeits- schwankungen aufweist. Also im cönereten Fall: die Wärme- regulatoren bilden sich nur dann aus, wenn das Thier häufigen
und bedeutenderen Wärmeschwankungen ausgesetzt wird; damit besitzt die Natur ein Mittel, die ausgiebigsten individuellen und speziellen Unterschiede in diesem Punkt zu erzeugen.
*) Deutsche Zeitung. Naturwissensch. Theil vom 3. und 17. Febr. und 2. März 1872. Wien.
**) Bei Gelegenheit dieses Citates erlaube ich mir folgende Bemerkung, die man mir sicher nicht falsch auslegen wird. Bei der freundlichen Beach- tung, welche meine in verschiedenen Zeitschriften erschienenen gemeinver- ständlich gehaltenen Aufsätze im Kreise der Fachgenossen gefunden haben, scheint es auffallend, dass obiges Werk (Leipzig 1872), das im Wesentlichen eine Sammlung dieser Essai’s ist, unter Beigabe einer Reihe sonst nicht publizirter, in den Kreisen meiner Fachgenossen nicht bekannt geworden zu sein scheint. Ursache ist wohl, dass dessen erste Hefte während des 1866ger Kriegs erschienen, die Verlagshandlung kurz darauf in eine Finanzkrisis ver- fiel, so dass ein Wechsel des Verlegers eintrat, die Vollendung von 1866—1872 sich hinauszog und keine Rezensionsexemplare zur Versendung kamen ete. Aus diesem Grund glaubte ich denen, welche sich für meine Essai’s interes- sirten, hier diese Mittheilung machen zu sollen.
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Der Artbegriff. -O
' Aus dem bisher Gesagten lässt sich folgendes kurz rekapi- tuliren: 1) die Erscheinungen an den Organismen bei veränder ter
Einwirkung. äusserer Einflüsse zeigen dieselben Plastizitätsunter-
Schiede wie das Verhalten der Arten im Lauf der Generationen. 2) Wir haben Ursache, diese Unterschiede der höheren oder ge- tingeren Ausbildung gewisser regulatorischen Apparate im Thier- körper zuzuschreiben. 3) Es lässt sich ein direkter Zusammen- hang der Existenzbedingungen und des Ausbildungsgrades der tegulatörischen Apparate in hohem Grade wahrscheinlich machen.
` 3) Spezies und soe
Die Transmutisten betrachten bekanntlich diese beiden ee Matischen Termini technici als den Ausdruck zweier Entwick- lungsphasen in der fortlaufenden Geschichte der Transmutation und läugnen, dass sich eine scharfe Gränze zwischen Art und Varietät ziehen lasse, wie das die Constanzianer annehmen. Wigand ist in der Vertheidigung der letzteren Schule wenig
glücklich. Er sagt z. B. pag. 15: »Solche Formen innerhalb
>einer Spezies, welche nachweislich im Laufe der Zeit aus einer »andern Form hervorgegangen sind, selbst wenn sie während ihrer Dauer sich beständig erweisen, nennen wir Varietäten.« Einmal dürfte man da nur bei Hausthieren und Culturpflanzen von Varietäten reden, da nur bei ihnen der historische Beweis erbracht ist, und fürs zweite gibt obiger Satz lediglich keinen Anhaltspunkt für die praktische Entscheidung. Ebenso wenig Wird man aus Folgendem klug: nachdem Wigand zuerst die
$ Spezies für etwas »nicht von aussen Bestimmtes und Abzuän-
derndes« genannt hat, fährt er fort: »Im Gegensatz hiezu ver- >hält sich die Varietät. Zwar gibt es auch Varietäten voh einer ’gewissen Beständigkeit, und insofern bildet die Unveränderlich- >keit kein Mittel, in allen einzelnen Fällen zu entscheiden, ob >eine Form als Spezies zu betrachten ist.« Worin soll denn nun der behauptete Gegensatz bestehen? Der Gegensatz gegen die Unveränderlichkeit der Spezies kann ja nur die Veränderlichkeit
ET
22 Der Artbegriff.
der Varietät sein; kann aber auch die Varietät beständig sein, so fehlt es an Gegensatz und Kriterium, um so mehr, wenn, wie Wigand an andern Orten zugibt, die sonst beständige Art auch manchmal veränderlich sein kann.
Wenn Wigand pag. 24 sagt, »es lasse sich nach den bis- »herigen Erfahrungen mit einiger Wahrscheinlichkeit voraussagen, „dass man demnächst . . . zu einer schärferen Fassung des Be- »griffes Spezies faton der Art gelangen würde,« so nimmt sich neben diesem Zugeständniss die Bestimmtheit, mit der er Spezies und Varietät auseinanderhält, sonderbar aus. Dann noch eine kritische Bemerkung: An verschiedenen Stellen seines Buches erklärt es Wigand für unstatthaft, den Mangel der Ueber- gänge zwischen den Formenkreisen unter den fossilen Resten der Unvollkommenheit unserer Kenntnisse zuzuschreiben, und doch sagt er pag. 31: »Aber selbst wenn in einzelnen Fällen die »Frage (ob Art oder Varietät) offen bleiben müsste, so würde. es »doch nicht richtig sein, solche Fälle als Verbindungsglieder „zwischen Art und Varietät geltend zu machen, da sie zunächst nur als Beispiele unserer unvollkommenen Kenntniss zu betrachten »sind.« Und weiter pag. 32, wo er in alinea 2 in nuce sagt: »Die Schwierigkeit der Beurtheilung des einzelnen Falles liege in »der Natur der Sache und weil man noch keine vollständige Ein- »sicht in das Wesen des Artbegriffs habe.« Er macht also eben auch gerade in dem Fall, an welchem die Entscheidung hängt, von einem Mittel Gebrauch, das er im Munde der andern eine »Ausflucht« nennt.
Wir wenden uns nun zu dem seit Buffon und Kölreuter gebräuchlichen Kriterium in der Artfrage: zu der Fruchtbar- keitsprobe. Auch hier sucht Wigand vergeblich die That- sache abzuschwächen, dass es verschiedene morphologisch gut i abgegränzte Arten gibt, die in mehrfacher Generation fruchtbare Bastarde liefern, dass es also Fälle gibt, wo auch dieses Krite- rium. nieht mehr stichhaltig ist. Eigenthümlich und bezeichnend für Wigands naturwissenschaftliche Logik ist folgendes: Nach- dem er die bekannte Thatsache erwähnt, dass die gegenseitige Fruchtbarkeit von der engsten Inzucht, der Selbstbefruchtung,
Ge
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Der: Artbegrit, -` gg
angefangen stetig zunimmt mit der-Abnahme der Verwandt-
schaftsgrade, fährt er fort: »Wäre nun auch die Spezies nur »relativ verschieden von der Varietät, so müsste diese Steigerung »der sexuellen Verwandtschaft (d. h. der gegenseitigen Fruchtbar- »keit) in derselben Richtung fortschreiten (d. h. die Spezies-
»kreuzung fruchtbarer sich erweisen, als die Varietätenkreuzung);
»diess ist aber nicht der Fall, vielmehr tritt zwischen Varietät >und Art ein Wendepunkt ein und von da an gilt das um-
>gekehrte Gesetz. Es scheint daraus hervorzugehen, dass bei
»diesem Wendepunkt zwischen Varietät und Spezies eine neue »Ordnung der Dinge, nämlich der absolute Unterschied zwischen »den Arten eintritt.«
Hiegegen ist zu bemerken, dass ein derartiges Umschlagen ins Gegentheil eine Erscheinung ist, die für alle möglichen Ver- hältnisse sich wiederholt, ohne dass wir das Recht hätten, sie für den Beweis einer neuen Ordnung der. Dinge zu halten. Z.B. ein gewisser Wärmegrad ruft in uns angenehme Gefühle hervor, die sich bei einer gewissen Erhöhung steigern, bis ein Wende-
_ Punkt eintritt, von dem aus die Steigerung das gerade Gegentheil,
nämlich Schmerz, hervorruft und in letzter Instanz Tod durch Wärmestarre. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich bei allen Reizen und allen Thätigkeiten; z. B. bei völliger Unthätigkeit magern die Muskeln ab , bei mässigem Gebrauch nehmen sie an Masse und Leistungsfähigkeit zu, und zwar eine zeitlang um so mehr, je intensiver die Thätigkeit ist, bis zu einem Wendepunkt, über den hinaus eine weitere Gebrauchssteigerung das Gegentheil,
dee; Consumption des Muskels hervorruft. Genau so ist es mit
der gegenseitigen Fruchtbarkeit: Wie ich in meiner Abhandlung Ueber Urzeugung und Befruchtung«*) formulirt habe, gehört zur Befruchtung ausser der allgemeinen Differenz zwischen Ei
und Samenzellen noch eine gewisse constitutionelle Differenz der.
beiden Erzeuger. Fehlt diese, wie bei der Selbstbegattung eines Hermaphroditen, so bleibt die Befruchtung meist aus; steigt sie,
50 nimmt die gegenseitige Fruchtbarkeit zu bis zu einem Wende-
me u 5 En *) Zeitschrift für wissenschaftl. Zoologie. Bd. XIX. pag. 499.
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Ji. ; Der Artbegriff.
punkt, wo die Sache ins Gegentheil umschlägt. Daraus, dass dieser Wendepunkt -in der Nähe der Gränze von Spezies und Varietät liegt (NB. dass er genau und immer mit ihr zusammen- - falle, ist durchaus nicht bewiesen, ja durch mehrfache Beispiele sogar sehr zweifelhaft), folgt in gar keiner Weise, dass Spezies und Varietät etwas absolut Verschiedenes sind. Denn mit demselben Recht müssten wir eine Wärme von 20 Grad und eine solche von 60 für absolut verschiedene Dinge erklären, weil die erste Wohlgefühle, die letztere das Gegentheil, den Schmerz, hervorruft. Aus den berührten Thatsachen folgt nur, dass es einen Grad constitutioneller Differenz gibt, von welchem an die Befruchtungsfähigkeit abnimmt. Auf die Ursache, welche diesen Differenzgrad hervorrief, gestatten sie gar keinen Schluss. Wir können nur sagen: zwischen zwei Formen, bei denen wirksame Befruchtung möglich ist, und zwischen solchen, bei denen sie unmöglich ist, bestehen wesentliche Unterschiede, und diese dürfen wir nicht ignoriren. Desshalb stimme ich nicht mit denjenigen Transmutisten überein, welche den Unterschied ganz verwischen wollen; ihnen möchte ich entgegenhalten, dass es bei der Bildung zweier Arten aus Einer Art durch Divergenz des Charakters eine Art Rubikon geben muss, dessen Ueberschrei- . tung ‚die Artspaltung erst zu einer definitiven macht, und die Natur dieses Wendepunkts muss gesucht und bestimmt werden. Ebenso wenig befriedigt aber die Schablone der Constan- zianer, weil sie den thatsächlichen Verhältnissen gegenüber sich als eine Zwangsjacke erweist. Die Thatsachen heissen: es gibt zweifellos Formenkreise, die sich in morphologischer, biologischer und sexueller Weise aufs schärfste von einander sondern lassen, das sind gute, wohl abgegränzte Arten; ebenso gibt es Formen- kreise, die so sehr durch morphologische und biologische Uebergänge und durch Befruchtungsmöglichkeit verknüpft sind, dass wir sie als unzweifelhafte Varietäten zu behandeln haben. Dazwischen aber gibt es ebenso unzweifelhaft Formenkreise, die in allen Stücken das Mittel halten zwischen Art und Varietät. Ich bezweifle nun keinen Augenblick, dass noch manche dieser zweifelhaften Formenbeziehungen durch eingehende Unter-
ee S
Der Artbegriff. : 95
ł
% suchungen ‚entschieden werden können, allein wenn die Constan-
` zianer sagen, es müssen sich mit der Zeit alle derartige Fälle
klarstellen lassen, so ist das nichts weiter als eine Behauptung, und den einschlägigen Versuchen ist dasselbe Schicksal zu pro-
_ Phezeien, wie den Bemühungen, alle Organismen in Thiere und
Pflanzen zu scheiden. So lange aber auch nur ein einziger Fall übrig bleibt, in welchem nicht widerspruchsfrei festgestellt ist, ob man es mit Art- oder Varietätendifferenz zu thun hat, be- steht für den Transmutisten die entwicklungsgeschichtliche Brücke
‘zwischen Art und Varietät. Wigand sagt pag. 34: »Wenn sunter der Zahl der bisherigen »Spezies« nur 10°% die Probe
»bestehen, so ist der Schluss von diesen auf die Realität des »Artbegriffs jedenfalls viel mehr- berechtigt, als das vulgäre Ar- »gument: »in sehr vielen Fällen hat sich eine Spezies nachträg- »lich nicht bewährt, mithin gibt es überhaupt keine Spezies.« Dem gegenüber sage ich: wer das letztere behaupten würde,
wäre ein ebenso einseitiger Generalisator. als Wigand, wenn er - das erstere behauptet, und beiden muss man den nöthigen Ein-
blick in die Mamnigfaltigkeit der Natur und ihrer Hilfsmittel ab- sprechen. Dadurch erledigen sich auch die Expektorationen Wigands auf pag. 36. Dagegen muss auf folgendes geant- wortet werden. 1 f Br
Wigand sagt: »Der Darwinismus steht in prinzipiellem »Gegensatz gegen die eigentliche Naturforschung Newtons und »Guviers, denn ersterer glaube die unvollständige Erfahrung
durch eine Spekulation ergänzen zu dürfen, während letzterer
»keine Spekulation anerkenne, welche sich nicht den vorliegenden «Thatsachen unmittelbar anschliesst.< ! = Zu diesem merkwürdigen Satz ist zunächst anzumerken, dass nach demselben Wigand die Spekulation nicht verbietet, sondern nur sagt, »sie müsse sich den vorliegenden Thatsachen anschliessen ;« wahrscheinlieh wollte er sagen, seine Natur- forschung anerkenne keine Spekulation, aber. während des Nieder- schreibens ist ihm eingefallen, dass die Cuvier-Linn&’sche Lehre von der Urzeugung der Speziesstammväter lediglich nichts andres ist, als auch .eine Spekulation, und die Wigand’ sche
26 x Der Artbegriff.
Urzellentheorie, auf die wir seiner Zeit zurückkommen w erden, nicht minder. Nur ist dann, wenn beide spekuliren dürfen, nicht gut einzusehen, wo der prinzipielle Gegensatz bleibt, denn selbst, wenn zugegeben werden müsste, dass die Transmutisten falsch spekuliren, und die Es richtig, so wäre das doch kein prinzipieller Gegensatz! |
Noch komischer ist die Behauptung, dass nur die Constan- zianer nach der induktiven Methode verfahren, »indem sie die »aus einer beschränkten Beobachtungsreihe abstrahirte Regel zu »einem allgemeinen sogenannten empirischen Gesetz erweitern.« Was thun denn diese Herrn: aus der Beobachtung, dass viele Arten sich in langen Zeiträumen nicht verändern, stellen sie das Gesetz auf, dass alle Arten unveränderlich seien. Nun, wenn die Transmutisten aus der beschränkten Beohachtungsreihe von `- Fällen, wo die Arten sich verändern, das allgemeine “Gesetz ab- leiten, die Arten sind veränderlich, ist das vielleicht dann keine Induktion ? Allerdings ein prinzipieller Unterschied besteht zwischen den Transmutisten und Constanzianern: Erstere wenden die | Deduktion, die sich bekanntlich zur Induktion verhält, wie die Bischliche zur Rechnung, an, um das Ergebniss ihrer In- duktion allseitig zu prüfen, und zögern keinen Augenblick, ent- gegenstehenden Thatsachen dadurch Rechnung zu tragen, dass sie von der Allgemeingültigkeit ihres Gesetzes absehen, wie ich das in meiner oben gegebenen Fassung der Transmutations- lehre gethan habe. Wigand dagegen verschmäht die Deduktion, d. h. die Prüfung seiner Aufstellung, spielt den entgegenstehenden Thatsachen gegenüber die Rolle des Vogel Strauss, der sie nicht sehen will, und hält seine Verallgemeinerung aus einer be- - schränkten Beobachtungsreihe für den »einzig legitimen Ausdruck »unserer dermaligen Erkenntniss« (pag. 37).
Was soll man aber vollends vom Schlusssatz dieses Ap- schnittes pag. 38 sagen: »So wird durch die Spekulation (der »Transmutisten) die erfahrungsmässig constante Spezies veränder- »lich und die erfahrungsmässig veränderliche Varietät constant »gemacht, — kurz die Spezies zur Varietät, die Varietät zur »Spezies umgekehrt.«
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Die Variabilität. 97
Welche Sorte von Lesern glaubt denn Herr Wigand durch solche Taschenspielerkunststücke zu berücken, höchstens Schul- buben? Seit wann wird die Spezies zur Varietät dadurch, dass Jemand behauptet, sie sei variabel und spalte sich in Varie- täten? l 4 Rekapituliren w wir diesen Abschnitt, ‚so können wir pipii Sätze aufstellen: 1) der Artbegriff, sofern man die rein hypo- thetische und spekulative Behauptung von der Urerzeugung des Stammvaters derselben bei Seite lässt, hat seine reale Berechti- gung. 2) Es gibt mehr oder weniger constante Formenkreise, deren Verhalten derart ist, dass wir das Recht haben, sie für Varietäten einer Art zu halten, also die Unterscheidung zwischen Varietät und Art ist eine berechtigte. 3) Es liegt durchaus nichts vor, was uns an der Annahme verhindert, es können Fälle vorkommen, in denen die Varietätendifferenz sich bis zur Speziesdifferenz steigert. 4) Diese Annahme ist methodologisch
genau so erlaubt, wie die entgegengesetzte. 5) Beide Annahmen
können richtig sein und es kann sich nur darum handeln, welche im gegebenen Spezialfall die richtige ist.
II. Die Variabilität.
In diesem Capitel sucht Wigand den ersten Stoss dadurch zu führen, dass er auf einige Differenzen unter den Transmu- tisten bezüglich der Qualität derjenigen Variationen hinweist, welche der Bildung neuer Arten zum Ausgangspunkt dienen. Während nämlich ein Theil der Transmutisten, unter ihnen ins- besondere Darwin, mehr nur jene geringfügigen Verschieden- heiten, wie sie zwischen Geschwistern vorkommen können, als ersten Ausgangspunkt der Artbildung ansehen, gehen Nägeli und Ascenasy wenigstens für das Vervollkommnungsprinzip
98 Die Variabilität.
von sprungweisen Abänderungen aus, und Hofmeister lasse die neue Form nicht durch Sartre kleiner Differenzen, son- dern mit einem Schlage entstehen.
Diese Meinungsdifferenz gibt Wigand zu der Aeusserung Anlass: »Wir konstatiren hiermit die bis auf das Fundament »herabreichende Zerklüftung der Selektionstheorie.« Darauf ist zu entgegnen: Wenn der eine nur die eine, der andere nur die andere Sorte von Abänderungen für Objekt der natürlichen Se- lektion erklärt, so wird doch dadurch das Fundament der. Se- lektionslehre nicht berührt; denn das besteht eben in dem _ Akt der Selektion; auch bezüglich des Objekts ist die Differenz nicht gross und jedenfalls nicht prinzipiell, da der eine wie der andere sich an jene Abänderung. hält, wie sie in dem Verlauf der Generationen einer Spezies auftreten. Genau so wie zwischen geringen Abänderungen und Monstrositäten nach Wigands eigenem Geständniss (pag. 49, Anm.) nur ein gradweiser, durch alle möglichen Abänderungen verbundener Unterschied be- steht, so ist auch dieser Meinungszwiespalt ein gradweiser und kein prinzipieller.
Uebrigens gilt über diesen Zwiespalt folgendes: Es gibt eine ganze Reihe von Speziesmerkmalen, deren Ausbildung durch. eine Summirung kleiner Abweichungen nicht nur völlig-erklärt werden kann, sondern die Umwandlungen unserer Culturarten beweisen es auch, dass man fast jede solche kleine Abänderung durch Se von Generation zu Generation zu ‘steigern vermag. Ich verweise z. B. auf das von Fritz Müller mitgetheilte Bei- spiel der Züchtung des vielreihigen Maises,*) auf die Vermehrung der Schwanzfedern bei den Pfauentauben etc.
Auf der andern Seite, sagt man, gibt es gewisse Merkmale, deren Entstehung nicht anders gedacht werden kann, als durch eine plötzliche, mehr oder weniger beträchtliche individuelle Ab- weichung, z. B. Aenderung der Grundzahl der Blattkreise bei den Pflanzen. Obgleich ich nun bei den Thieren gefunden habe, dass manche solcher Fälle, in denen man an einen Sprung
*) Hermann Müller, Die Befruchtung der Blumen durch Insekten.
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Die Variabilität. 99
appelliren zu müssen glaubt, bei genauer Prüfung sich doch in in eine Anzahl kleiner vortheilhafter Abänderungen zerlegen
` lassen, so stelle ich nicht in Abrede, dass unzerlegbare Fälle
bleiben, für welche ‘an bedeutendere Abweichungen appellirt werden muss. Ä Der Bemerkung Darwins, dass solche in gewissem Sinn
monströs zu nennende Abweichungen bei ihrem isolirten Auf-
treten durch Kreuzung fast sicher verwischt werden würden, möchte ich zwei Fälle aus meiner* Erfahrung entgegenhalten. In einer Gegend Steiermarks sind vierhörnige Schafböcke keine
. Seltenheit, und ebenso in einer gewissen Gegend Ungarns ein- hufige Schweine. Ich habe von beiden lebende Exemplare er-
halten und Erkundigungen eingezogen, aus denen hervorgeht, dass das schon seit Dezennien so ist. Diese Fälle sind nur so zu erklären: entweder stammen alle diese Monstra von Einem monströsen Stammvater ab, dann'spricht diess gegen die Leich-
tigkeit des Verschwindens solcher Monstrositäten durch Kreuzung | ”
(ein anderes Beispiel hiefür sind die vielfingerigen Menschen). Sind dagegen die betreffenden Individuen nicht in dieser Weise
verwandt, so wären sie ein Beleg dafür, dass solche Monstrosi-
täten gleichzeitig in einer grösseren Individuenzahl auftreten
können, so dass sich für sie sofort-die Möglichkeit der Inzucht
eröffnet. Se
Per parenthesin ist hier eine Behauptung Wi gms BEF
. zuweisen. Er sagt: »Darwins Bëmerkung von der Verwischung
»monströser Abweichungen durch Kreuzung gelte ganz ebenso >für die von Darwin angenommenen unbedeutenden Abände- »rungen.« Das ist total falsch: grosse monströsse Abweichungen sind in der Regel selten und isolirt, an jenen kleinen Abwei- chungen kann ‘aber gleichzeitig eine beträchtliche Individuen- Summe theilnehmen, und sobald zwischen diesen Individuen das >simile simili gaudet,« das Gefallen am Gleichartigen, auftritt,
und die Abänderung so vortheilhaft ist, dass mit den zurück-
bleibenden rasch’ aufgeräumt wird, so ist die Gefahr des Ver-_
wischtwerdens durch die Kreuzung gering, jedenfalls viel ge- ringer, als im ersten Fall.
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30 - Die Variabilität.
Bezüglich des simile simili gaudet noch eine Beobachtung! Meine ‚Studiengenossen Dr. Albert Günther vom britischen Mu- seum und Dr. David Weinland, sowie ich, haben uns als Stu- denten bemüht, am Schädel von Vögeln allgemeine sekundäre Geschlechtsdifferenzen aufzufinden. Dabei machten wir die Er- fahrung, dass gepaarte Paare von Singvögeln in Bezug auf ihre Schädel auffallend vollständiger übereinstimmten, als nicht ge- paarte, so dass angenommen werden muss, es spiele bei diesen Thieren möglichste Gleichheit ein wesentliches Paarungsmotiv.
Doch zur Sache: Ich meinestheils kann nicht einsehen, warum nur grosse oder nur kleine individuelle Variationen von der natürlichen Zuchtwahl erfasst und zur Artdifferenz sollen erhoben werden können, und stehe um so weniger an, sämmt- liche Variationsgrade für selektionsfähig zu halten, als die Natur _ der klassifikatorischen Merkmale darauf hinweist, es habe die Selektion von allen sich darbietenden Variationen Gebrauch ge- macht. Eine Entscheidung ist somit nur im einzelnen Falle nöthig. y |
Wigand unterscheidet weiter in genetischer Beziehung zweierlei Arten von Variationen: a) Standortsvarietäten, d. h. solche, die der direkten Einwirkung äusserer Ursachen ihre Entstehung verdanken. b) Angeborene, d. h. lediglich innern Ursachen entsprungene. Ganz entsprechend seiner überall hervortretenden engherzigen und einseitigen Anschauungsweise frägt er: »welche von beiden ‘Sorten artbildungsfähig sei,« wäh- rend für jeden Unbefangenen das nächstliegende ist, beiden Sorten gleiches Recht zuzugestehen. Faktisch thut er allerdings letzteres, indem er keine von beiden für hiezu befähigt erklärt, was er nach seinen Auslassungen über die Unveränderlichkeit der Art eigentlich gar nicht mehr hätte zu versichern nöthig gehabt. Doch sehen wir seine Gründe an.
a) Bezüglich der Standortsvarietäten sagt er: »eine Ab- »änderung, welche die Pflanze durch die direkte Einwirkung _ »äusserer Agentien während ihres individuellen Daseins erfahren vhat, dauert nur so lange, als die Ursache dauert.« Dieser Satz ist falsch: z. B. jemand, der in heissem Klima eine wetterver-
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Die Variabilität. 31
brannte Hautfarbe erhalten hat, bewahrt sie nachgewiesener- massen noch nach Uebersiedlung in ein gemässigtes Klima ent- weder zeitlebens oder noch lange Jahre. Im Gefühl, dass der Satz falsch ist, fährt Wigand fort: »selbst, wenn man anneh- >men dürfte, dass eine solche Standortsmodifikation im Laufe der >Generationen sich befestigen könne, so würde sich diess doch >nur in der Weise äussern, dass der erworbene Charakter unter > veränderten Einflüssen nicht sofort, sondern langsam erst im >Lauf der Generationen verschwände.« Dass thatsächlich solche aAllmählige Rückumänderungen vorkommen ,. beweist, dass ein tworbener Charakter die Einwirkung der betreffenden Ursache "überhaupt überdauern kann, was Wigand unmittelbar vorher läugnete. Was kann nun Wigand den Transmutisten entgegen- "halten, wenn sie sagen, dass Standortsmodifikationen auch völlig Constant werden können? »Damit sei die Zähigkeit unvereinbar, °’womit die Organismen ihren ererbten Charakter auch den he- »terogensten Einflüssen gegenüber behaupten, so dass sie eher >zu Grunde gehen, als eine »erhebliche« Abänderung erleiden.« Was es mit dieser Behauptung im allgemeinen für eine Bewandt- niss hat, wurde schon pag. 16 u. ff. gezeigt, und die vorsichtige Einschaltung des »erheblich« zeugt nicht von grosser Zuversicht _ Wigands. Zum Unglück passt aber der Satz gar nicht: Wenn
eine bestehende (also faktische) Standsortsmodifikation nach der Ansicht der Transmutisten constant und dadurch zum Artenrang
erhoben wird, so kann diess geschehen, ohne dass sie irgend eine, geschweige denn eine erhebliche morphologische Verände- rung erfährt, denn es handelt sich nur um eine constitutionelle Veränderung, d. h. darum, dass der erworbene, also bereits be- Stehende Charakter zu einem dauernd sich vererbenden werde.
b) Bezüglich der angeborenen Abänderungen hat er fol-
Sende Anschauung. Verschiedene Forscher haben für die Exi- Stenz von Abänderungen, die durchaus von innerlichen Ursachen herrühren, die Thatsache hervorgehoben, dass solche Abände- rungen in gleicher Weise an den verschiedensten Standorten Auftreten. Diese Thatsache, die doch weiter nichts sagt, als dass die mit der Bezeichnung »Standort« zusammengefassten
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32 Die Variabilität.
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klimatischen und Bodenverhältnisse kein ursächliches Moment für die in Rede stehende Variation abgeben, legt er dahin aus, »dass solche Abänderungen sich indifferent gegen die äusseren »Lebensbedingungen (d. h. gegen alle) verhalten, und desshalb »können sie für die (von den äussern Lebensbedingungen aus- »gehende) Zuchtwahl keinen Angriffspunkt darbieten.« Einmal ist jene obige Erweiterung auf alle Lebensbedingungen durchaus unstatthaft, weiter kann eine Abänderung, trotzdem dass sie durch die klimatischen Einflüsse nicht ‚verursacht wurde, doch in eine ganz ausgesprochene Beziehung zu ihnen treten. Z. B.: Es entstehen weisse Spielarten von Vögeln und Säugethieren unter allen Klimaten und sicher ohne direkte Beeinflussung des Klimas. Dennoch treten sie insofern in ganz bestimmte, wenn auch in direkte Beziehung zum Klima, als die weisse Farbe in der Schnee- region eine Schutzfarbe, ausserhalb derselben eine nachtheilige “ist, und damit ist der natürlichen Zuchtwahl ein ganz bestimmter Angriffspunkt gegeben. Ueberhaupt ist jede Abweichung, mag sie entstanden sein durch was immer für Ursachen, ein Objekt der natürlichen Zuchtwahl, d. h. entweder wird sie stets wieder vernichtet, wenn sie nachtheilig , stets geschont und begünstigt, wenn sie nützlich ist.
Wigand kommt nun zu den durch Gultur RARE Varie- täten. Hier macht-er es wie alle Constanzianer, er erklärt die - Domestikation für etwas ganz künstliches, mit der Natur nicht vergleichbares: »Culturvarietäten verdanken ihr Dasein ganz »anderen Bedingungen als die natürlichen.« Dieser Satz ist schon desshalb falsch, weil die Bedingungen, über welche die Cultur verfügt, eben nichts anderes sind als die Naturkräfte und Natur- stoffe, mit denen auch die freie Natur operirt. Es wird doch niemand behaupten wollen, dass die künstliche Wärme etwas anderes sei als die natürliche, oder dass z. B.. das Futter, das wir einem Thiere oder einer Pflanze reichen, wo anders her ge- nommen sei, als aus der Natur. Was führt nun Wigand für seine Behauptung an? »Wenn in der Natur dieselben Gesetze »gelten wie in der Cultur, warum findet sich unter den vielen »Milliarden wildwachsender Erdbeerstöcke nicht doch auch einmal
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Die Variabilität. 33
E »ein Exemplar mit faust- oder doch wallnussgrossen Früchten = >oder unter den unzähligen wilden Stiefmütterchen ein solches
>mit zwei Zoll grosser Blüthe, da eine grosse Frucht als an- »sehnlichere Lockspeise für die Verbreitung der Samen günstig »ist, eine grosse Blüthe als Anziehungsmittel für befruchtende laden wohl ein Motiv für die natürliche Zuchtwahl darbieten »möchte. «
Für diese und ähnliche Fragen gilt ec was ich am
. Schlusse meines Aufsatzes über »die Milchdrüsen« *) gesagt habe,
doch will ich mich über diese Frage vom zoologischen Standpunkt aus äussern: auf meinen Geschmack übt die kleine aromatische Walderdbeere eine viel intensivere Anziehung aus, als die faden
wässerigen Riesenerdbeeren unserer Kunstgärtner, und wenn die
Schnecken, die hauptsächlichsten Verzehrer der Walderdbeeren, derselben Ansicht sind, so wird es in der äussern Natur an jedem züchtenden Motiv für eine solche wassersüchtige Frucht ‘fehlen. Was das Stiefmütterchen betrifft, so könnte Wigand diese Behauptung nur dann machen, wenn. unsere grossen künstlichen Stiefmütterchen von den Insekten fleissiger besucht ‚Würden, als die wilden. Da diess thatsächlich nicht der Fall ist, wovon sich jeder in seinem Garten überzeugen kann, und da auch die wilden Stiefmütterehen nach Herm. Müllers An-
fehlt eben auch hier in der Natur der aape ausi und damit bleibt die Abänderung aus. x
Der Unterschied zwischen natürlicher und künstlicher Zucht- wahl besteht mit Bezug auf die durch sie hervorgebrachten Ab- änderungen in folgendem: die Culturrassen sind Anpassungen an -die Culturbedürfnisse und Gulturbedingungen, die Naturrassen Solche an die Bedürfnisse und Bedingungen der Natur. Die ersteren unterscheiden ‚sich von den Naturbedürfnissen ganz klar. In der Natur ist der Züchtungszweck einzig und allein die
*) Ausland 1874. pag. 638. =) H. Müller, Die Befruchtung der Blumen durch Insekten, pag. 145.
Jaeger, In Sachen’ Darwin’s. 3
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34 Die Variabilität.
Selbsterhaltung des Individuums und die Erhaltung der Art, oder anders gesagt, die Selbsterhaltungsfähigkeit und Selb- ständigkeit, d. h. Unabhängigkeit. In der Cultur ist der Züch- tungszweck ein ausserhalb des gezüchteten Thiers liegender, nämlich. der Vortheil des Menschen; statt dass er der Art Selbständigkeit anzüchtet, macht er sie zum Sklaven, er züchtet Eigenschaften, welche nur dem Menschen Vortheil bringen, der Art aber Nachtheil bezüglich ihrer Selbst- erhaltungsfähigkeit. Er thut diess dadurch, dass er der Art die Sorge für die Selbsterhaltung abnimmt, damit ist sie Sklave des Menschen geworden, der ohne dessen erhaltende Thätigkeit entweder zu Grunde geht oder die in der Cultur er- worbenen Sklavencharaktere aufgeben und gegen die der freien »auf eigene Füsse« gestellten Arten eintatıschen muss. Der Unterschied in Bezug auf die Bedingungen besteht hauptsächlich darin: Bei der künstlichen Züchtung schützt der Mensch den Züchtling vor den grossen Schwankungen, welche die natürlichen Bedingungen aufweisen: vor Wärme- und Kälteextremen, vor zu grossen Feuchtigkeitsschwankungen, vor grossen Differenzen in der Arbeitsleistung der Sinne sowohl als des Bewegungsapparats, vor erheblichen Schwankungen in der Nahrungsmenge etc. Das Resultat dieses Schutzes ist mit dem einzigen Wort »Verweich- lichung« hinreichend gekennzeichnet , während die natürliche Züchtung die »Abhärtung« anstrebt.
Ein weiterer Unterschied zwischen Natur- und Culturrassen ist folgender. Wir können im Leben eines Thieres zwei Perioden unterscheiden: die passive oder rein vegetative, während welcher ihm die Nahrung von selbst zufliesst und die Gefahren von ihm abgehalten werden, und die aktive, während welcher es sich seine Nahrung erwerben und erkämpfen, vor Gefahren sich selbst bewahren muss. Bei Thieren ohne Jungenpflege
"werden diese beiden Perioden durch den Geburtsakt geschieden, bei solchen mit Jungenpflege dauert die erstere, wenn auch etwas abgeschwächt, fort: beim Säugethier bis zum Ende der Säuge- zeit, beim Vogel bis zum Ende der Aezzeit oder der Führung bei den Nestflüchtern. Zwischen den Bedingungen der Cultur
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und denen der Natur besteht nun ein ähnlicher Gegensatz, wie zwischen den Bedingungen der passiven und aktiven Lebens-
periode: das Culturthier geniesst von Seite des Menschen eine
Pflege, welche in manchem Stück die Jungenpflege ersetzt, durch sein ganzes Leben, und der Ernst des letzteren tritt nie so voll an dasselbe heran, wie an das wilde Thier. Diese Differenz der Bedingungen bringt zwischen Culturthier und Naturthier einen
-ähnlichen psychologischen, physiologischen und morphologischen
Unterschied hervor, wie er zwischen jungen und erwachsenen Thieren besteht. ‚Halten wir nun gegeneinander: das Culturthier ist ‚verweich-
licht, juvenil, das Naturthier abgehärtet und gereift im Kampf
ums Dasein, so liegen die Ursachen für die Bildsamkeits- unterschiede zwischen beiden klar zu Tage. Hiezu kommt noch folgendes. Wie ich pag. 12 auseinandergesetzt habe, steht die Constanz einer Form in geradem Verhältniss zur Dauer ihrer Züchtung, und zur Strenge, mit welcher sie gezüchtet worden
ist, In beiden Beziehungen unterscheiden sich die natürliche
und die künstliche Züchtung zwar nicht prinzipiell, aber himmel- weit. Bei sehr vielen Culturrassen können wir nur von De- tennien ‚sprechen, bei den N aturarten von Jahrtausenden, und die Launigkeit und Neuerungssucht der menschlichen Züchtung macht es unmöglich, dass irgend eine Rasse zur Ruhe, d.: h. zur Constanz kommt, und daher die excessive Variabilität. _
Wenn Wigand sagt: dass Culturvarietäten unfähig seien,
als Anfänge der Bildung von Arten zu dienen, so kann man
ihm diess, gestützt auf obiges, allenfalls recht gut — wenigstens für die meisten — zugeben. Wenn er aber sagt, dass irgend welche Analogieschlüsse von der Variabilität in der Domestication auf die in der freien Natur ‚unzulässig seien, so ist das total falsch: daraus, dass die Produkte der natürlichen Züchtung an- dere sind, als die der künstlichen, folgt durchaus nicht, dass. die von beiden angewandten Mittel prinzipiell verschieden sind,
Sondern es handelt sich nur um eine andere Constellation, andere Intensitäten und um andere Anwendungszeiten der gleichen Mittel. Allgemein gesagt: die Verschiedenheiten in der Variabi-
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36 Die Variabilität.
ra
lität zwischen Culturorganismen und Naturorganismen findet ihre volle Erklärung durch die verschiedene Anwendung, welche die gleichen Züchtungsmittel in den beiden Fällen rn er- fahren müssen.
Wigand geht weiter auf die Qualität der Bisher ein und meint, nur morphologische Abänderungen wären allen- falls im Stande, als Artbildungsmaterial zu dienen, nie aber chemische, anatomische etc., und zwar desshalb, weil »alle syste- »matischen Charaktere wesentlich morphologischer Natur sind.« Zunächst die Nebenbemerkung, dass die Unterscheidung zwischen anatomischen und morphologischen Abänderungen an und für sich höchst unklar ist; doch bescheiden wir uns, mit Wigand unter letzteren Abänderungen der Gestaltungsverhältnisse zu ver- stehen. Er unterscheidet 1) Monstrositäten. Hier ist fol- gendes interessant: Er sagt, die meisten Monstrositäten gehören der rückschreitenden Metamorphose an und »diese können dess- »halb. nicht als beginnende systematische Typen betrachtet »werden, weil sie einer Richtung folgen, derjenigen entgegen- »gesetzt, welche die Natur bei der Hervorbringung des Reichs »der Organismen einzuschlagen hat, nämlich aufsteigend vom »Niederen zum Höheren, vom Einfachen zum Zusammenge- »setzten etc.« Zehn Zeilen nach -dieser Behauptung schlägt ihn das Gewissen, »dass allerdings Fälle vorkommen, in denen _ »systematische Charaktere eine gewisse Analogie mit Fällen der »rückschreitenden Metamorphose zeigen.« Wie kommt er nun aus der Klemme? Durch folgende. Behauptung: »diese Charak- »tere lassen sich jedenfalls ebensogut als Stufen einer fortschrei- »tenden als einer rückschreitenden Bewegung, z. B. der sterile »Staubfaden ebensogut als »ein noch nicht vollkommen ausgehil- »deter, wie als ein von einer »früheren Vollkommenheit herab- »gesunkener Staubfaden auffassen.« Allerdings gibt es solche zwei- felhafte Fälle! aber die Entwicklungsgeschichte des Individuums gibt in hunderten von Fällen die genaueste Auskunft — we- nigstens im Thierreich — dass die endliche Gestalt eines ganzen Thieres, oder eines Organes das Produkt einer rückschreiten- den Metamorphose ist (Grustaceen, Insekten, Helminthen etec.).
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Die Variabilität. E. 37
Von -den Monstrositäten, welche keinen Rückschritt be- gründen, also z. B. plötzlich auftretende Pelorie der Blüthen, Aenderung der Zahl der Blüthenwirtelglieder etc. meint er: 1) können sie nur gelten, wenn -sie vollkommen erblich seien, was doch selbstverständlich ist. 2) Da sie nur ein Merkmal, nicht aber, was zur Spezies gehöre, eine ganze Combination von Merkmalen bilden, so taugen auch sie nichts zur Artbildung. Gegen letzteres ist zu sagen: die Artbildung kann recht wohl in der Weise erfolgen, dass nicht alle Charaktere gleichzeitig,
. Sondern gewissermassen einer nach dem andern erworben wird,
letztere entweder consecutiv, das heisst. herbeigeführt durch . die Primäre Abänderung, oder spontan. 3) Meint er: auch diese Fälle zugegeben, so sei »durch das Hereinziehen dieser Sorte »von Abänderungen ein wesentlich neues Prinzip aufgestellt, »welches von der der eigentlichen Darwinschen Lehre zu Grunde »liegenden allmähligen Summirung kleiner individueller Varia- »tionen. durchaus verschieden sei.« Warum? Das Wesentliche
der Selektionslehre ist das Ueberleben des Passendsten infolge
der Auswahl durch den Kampf ums Dasein. Die Lehre von der Summirung der Variation ist erst eine weitere Folge von obigem Prinzip. Das Selektionsprinzip spricht aus, dass ‚eine nützliche Variation ergriffen und aufbewahrt wird, und an diesem Prinzip wird nichts geändert, ob diess einmal oder mehrmals nach ein- ander in der gleichen Richtung. geschieht, wodurch die Summi- rung hervorgebracht wird.
~ Wenn Wigand nur diejenige Sorte von morphologischen Varietäten als der Besprechung werth gelten lässt, bei denen der
- ganze Habitus, d. h. viele Merkmale zugleich variiren, so kann man ihm hiebei nicht zustimmen. Nach meiner Anschau-
ung ist jederlei Variation im Stande, den Ausgangspunkt neuer
‘ Formen zu bilden, wenn sie nur zweierlei Bedingungen erhält,
1) erblich ist und 2) entweder nützlich oder — mit Bezug auf die consecutiven Merkmale — nicht schädlich ist. Ueber eine an vielen Stellen immer wieder auftauchende Behauptung Wigands können wir kurz hinweggehen,, nämlich die, »es sej eine wesentliche Voraussetzung der Selektionstheorie,
38 Die Variabilität.
»dass sich die Variabilität innerhalb einer Art vollkommen »planlos, richtungslos und unbestimmt Ääussere.« Der Kern der Selektionslehre ist das Prinzip, das Darwin »die Aus- wahl« genannt hat, und dieses bleibt gänzlich unberührt, ob die Zahl der Varietäten, unter welchen die züchtenden Faktoren auswählen , eine kleine oder eine grosse oder “ eine unendlich grosse ist, da bekanntlich schon die Ent- scheidung zwischen zwei Möglichkeiten eine Auswahl ist. Die Beschränktheit der Variation auf bestimmte Richtungen hindert allerdings die Divergenz in beliebig viele Formen, allein die Entscheidung, welche dieser Richtungen definitiv eingeschlagen und zur Artdifferenz erhoben wird, ist und bleibt Sache der Selektion — und mehr hat kein Transmutist von ihr behauptet. Somit ist es — für diesen Zweck — rein leeres Stroh gedroschen, wenn sich Wigand auf pag. 405 die Mühe gibt, an der Neri- tina virginea ausführlich nachzuweisen, dass die Variation keine richtungslose ist. Natürlich ist auch die Wigand’ sche Behauptung hinfällig, »die Selektionstheorie entbehre der thatsächlichen Basis, »weil die Variation innerhalb der Art nur innerhalb bestimmter »Richtungen erfolge.«
Derselbe Irrthum beherrscht auch zum Theil den folgenden Abschnitt. Kein Darwinianer hat behauptet, dass die Variation einer Art nach jeder beliebigen Richtung und bis zu jedem be- liebigen Masse möglich sei. Was will überhaupt der Trans- mutist? Die in der Natur faktisch vorkommenden Formen- differenzen erklären. Da nun die thatsächlich vorkommenden Arten, z.B. einer Gattung oder einer Familie, weit entfernt da- von sind, alle innerhalb der Gattung denkbaren Modifikationen zu erschöpfen, so kann es ihm auch nicht einfallen, der Variabilität alles Denkbare unterzuschieben.
Der zweite Punkt, dass eine und dieselbe Abänderung sich über ein gewisses Mass hinaus nicht steigern lasse, also dass man z. B., wie Wigand meint, die Stachelbeeren trotz allem niemals `əbis zur Grösse eines Riesenkürbis« bringen werde, erfordert eine nähere Besprechung. Es leuchtet wohl in erster Linie jedem Kind ein, dass ein Stachelbeerzweig eine Frucht von dem Ge-
Die Variabilität. .”39
wicht eines Riesenkürbis gar nicht zu tragen vermöchte; sollte das möglich sein, so müsste die Stachelbeere aus einem Strauch entweder ein Baum werden oder gleich dem Kürbis eine krie- chende Pflanze mit krautig weichem Stengel, welche ihre Früchte auf den Boden legt oder wie an einem Strick aufhängt. In zweiter Linie müssten die Saftgefässe, die zu der Frucht führen, im Stande sein, die zu solchem Wachsthum erforderliche Nah- rungsquantität zu liefern, und dabei kommt es auf die Zahl und Weite der Röhren an, kurz auf. Strukturverhältnisse, deren Be- urtheilung und desshalb systematische ‚Benützung dem einfachen Kunstgärtner nicht möglich ist. Für die gewöhnliche Bewurz-
lung, den gewöhnlichen Saftgefässbau etc. mag- die in England
für die Stachelbeere erreichte Grösse von 5 Loth allerdings die äusserste Gränze sein. Damit ist aber nicht gesagt, dass diese
nicht bedeutend übertroffen werden könnte, sobald man zunächst
eine möglichste Verstärkung der vegetativen Organe der Pflanze anstrebte und erst diese jetzt unter jene Bedingungen bringt,
“unter welchen den Generationsorganen ein ‚möglichster Prozent-
satz der assimilirten Nahrung zukommt, also nach dem Grund- satz eines Hundezüchters vorgeht, der, um grosse Hunde zu er- ziehen, nicht gerade nach der grössten Hündin greift, sondern nach’der gefrässigsten. Fassen wir die Sache allgemein. Jede existirende Art ist eine gegebene Basis, von der aus nicht alles beliebige weder nach Qualität noch nach Quantität gemacht werden kann, und zwar einfach desshalb, weil die
- Theile eines Individuums in engen Beziehungen zu einander
stehen. Man kann allerdings z. B. einen bestimmten Körper- theil vergrössern, allein nur auf Kosten der andern, wovon später näher gesprochen werden soll, und dann kommt ein Punkt, wo die andern Theile gewissermassen auch ein Wort einzulegen haben, weil ihre Leistungsfähigkeit für das Ganze beeinträchtigt wird, z. B. wenn man beim Schwein in dem
Uebergewicht des Rumpfes über die Gliedmassen so weit geht,
dass die Füsse den Rumpf nicht mehr tragen können. Will man jetzt im Rumpfgewicht weiter gehen, so muss von dieser einseitigen Vergrösserung abgegangen und zunächst eine to-
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40 Die Variabilität.
tale Vergrösserung des Thiers, das heisst eine gleichmässige Vergrösserung aller Theile angestrebt werden. Ein weiterer, höchst wichtiger Punkt, in welchem die Ab-
änderung beschränkt ist, ist folgender. Die Zuchtwahl, natür-
liche wie künstliche, kann erst dann einen Einfluss auf die morphologischen Verhältnisse eines Thiers gewinnen, wenn dasselbe geboren ist. Sie kann mithin auf alle Gestaltungs- prozesse, die-während des Eilebens sich abwickeln, gar keinen oder einen nur sehr entfernten, unbedeutenden Einfluss nehmen. In dem Zeitpunkt, -in welchem das Individuum ihren Händen übergeben wird, besteht dieses mithin aus bestimmten Theilen, die in bestimmter Weise zu einander gelagert und in bestimmter Weise funktionell von einander abhängig sind. Daran kann nicht mehr viel geändert werden. Alle Aenderungen sind jetzt nur noch Variationen des im Geburtsmoment gegebenen Grundthemas. Daraus erhellt zunächst, dass die Zuchtwahl nach oben wie nach unten beschränkt ist. Weitere Consequenzen hieraus sind später zu ziehen.
Die Frage ist nun, ob durch diese RNIT die Trans- mutationslehre ihren Boden verloren hat. Gewiss nicht! Trans- mutation bleibt Transmutation, ob sie beschränkt ist oder nicht. Unbeschränkte Transmutation hat niemand behauptet, und der Zustand der organischen Welt braucht sie auch nicht zu seiner Erklärung. Es genügt einfach die Annahme, dass sich im Lauf der Zeit die Spezies zur Gattung erweitert, die Gattung zur Fa- milie etc., worauf wir später noch ausführlich zurückkommen, weil Wigand die Möglichkeit dieses Prozesses bestreitet.
Was stellt nun Wigand den thatsächlichen Umwandlungen, die man an Culturarten bewirkt hat, und die er nun einmal nicht läugnen kann, wären sie auch noch so sehr beschränkt, entgegen, um die Lehre zu bekämpfen? Einfach die Behaup- tung, dass die Umwandlungen nicht weiter gehen, als sie gegangen sind, und dass sie wieder rückgängig ge- macht werden; sie seien die höchsten Ausschwingungspunkte eines Pendels, der wieder in seine Ruhelage zurückschwingen werde, oder die Variabilität sei nicht unbegränzte Dehnbarkeit,
Die Variabilität: roo oOo
sondern Elastizität und was dergleichen Bilder mehr sind. Nach
einem Beweis für diese Behauptung sucht man zunächst ver- geblich, oder hält vielleicht Wigand diese Bilder für Beweise?
Im folgenden sucht unser Autor die Selektionslehre dadurch
zu untergraben, dass er sagt, der in der Darwin’schen Lehre als haare Münze eirkulirende Begriff Variabilität sei selbst etwas
ganz Unerklärbares, also ein Räthsel, ein Fragezeichen. Die
Selektionstheorie operire demnach mit lauter Räthseln und »die >Summe unendlich vieler, unendlich kleiner Räthsel gebe noch »keine Lösung des Gesammträthsels,« »eine Häufung von noch so >verschwindend kleinen Fragezeichen bilde niemals eine Antwort.« Hier möchte ich Hrn. Wigand fragen, ob es irgend eine wissen- Schaftliche Theorie gibt, an deren Ende nicht etwas Unerklärtes,
. Räthselhaftes steht. Ist denn die Schwerkraft etwas Erklärtes, ist der Aether des Physikers, das Atom des Chemikers nicht.
etwas Räthselhaftes? und somit z. B. jede Formel eines Che- Mikers eine Summe von unendlich kleinen Fragezeichen? Warum hat denn der Chemiker seine Atomentheorie gemacht? weil durch die von’ Wigand dem Darwinismus zum Vorwurf ge- machte »Auflösung in die kleinsten Elemente« eine Sache ver- Ständlich wird, während sie es ohne das nicht ist. Was dem
Chemiker das Atom ist, das ist dem Biologen die fast un- Merklich kleine individuelle Abänderung; beide gestatten eine
Rechnung, Messung und graphische Darstellung, und wenn man einen Stammbaum des Thierreichs entwirft, der aus lauter Frag- zeichen zusammengesetzt ist, so ist damit doch eine greifbare Figur geschaffen, eine bestimmte Antwort gegeben. Ueberhaupt, wenn ein Naturforscher vergisst, dass jeder Fortschritt in der Erfor ‘schung der Natur nur ein gradweiser ist und in letzter In- Stanz alle Materie, alle Kräfte und alle Erscheinungen, mit denen Wir operiren, selbst wieder Räthsel sind, dann ist er noch nicht bis zu jener Stufe der Weisheit vorgeschritten, von der Sokrates Sagt: „Nur der ist weise, der weiss, dass er nichts weiss.« Uehrigens die Sache ist eben die, dass Wigand es weiss,
denn pag. 64 sagt er: »wir wissen vor allem, dass die Abände- rungen gesetzmässige Wirkungen und Aeusserungen eines
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49 i Fixirung der Abänderungen.
„bereits in der ersten Stammform ängelegten Planes sind.« Wigand hat offenbar kein Gefühl dafür, 1) wie nichtssagend das Wort »Plan« ist, und 2) welches Armuthzeugniss für den menschlichen Geist und welches Hinderniss für die exacte For- schung es ist, wenn man das, was erklärt werden soll, dadurch zu erklären vermeint, dass man es zu dem Wort »Plan« ver- diehtet und als prädestinirtes Geschick der ersten Stammform in die Wiege mitgibt. Das ‚ist wissenschaftlicher Muhameda- nismus.
Wenn wir heute eine Locomotive ansehen, so macht sie allerdings auch den Eindruck, als seie sie nach einem ganz be- stimmten uranfänglichen Plan allmählig so geworden und doch weist die Geschichte nach, dass sie das Produkt einer ganzen Summe von vereinzelten, in gewisser Beziehung zufälligen Ent- deckungen und Erfindungen ist und dass eine Masse von indi- viduellen Locomotiv-Variationen auf dem Wege der Auswahl beseitigt werden mussten, ehe die Locomotive zu dieser wunder- baren Maschine der Gegenwart heranwuchs. Ich erinnere be- züglich des ersteren Punktes nur daran, dass die Selbststeuerung der Dampfhahnen die Erfindung des die Maschine bewachenden Knaben Potter war, dem es zu langweilig wurde, die Hahnen selbst auf- und zuzumachen, und der sie desshalb durch einen Strick mit der Kurbel verband.
Il. Die Fixirung der Abänderungen durch. Vererbung.
Dieses Capitel beginnt Wigand mit einer wie absichtlich ‚aussehenden Täuschung des uneingeweihten Lesers. Bei obiger Frage handelt es sich natürlich in erster Linie darum, ob eine individuelle Variation auch auf die Nachkommen übergehen kann.
Fixirung der Abänderungen. 43
Dass diess der Fall ist, wird durch zahlreiche Beispiele aus der Literatur in Darwins und seiner Nachfolger Schriften darge- than. Wigand läugnet das auch nicht, sondern sagt: »die
> Aufzählung zahlreicher Beispiele von einer »Stachelschwein-
»familie,« von bis in die 4. Generation erblichen überzähligen
Fingern ‚oder einer andersgefärbten Haarlocke, selbst von ver-.
»erbten Verstümmlungen, steht mit der Theorie in gar ` keiner »Beziehung. Für den vorliegenden Zweck sind derartige Bei- »spiele sogar ganz ungeeignet, indem sie das gerade Gegentheil »von dem beweisen, was bewiesen werden soll, nämlich dass »die neu auftretenden Eigenthümlichkeiten nicht vollkommen »erblich sind, sondern schon nach wenigen Generationen 'er- »löschen.« ut | |
Die erste Täuschung besteht‘ darin, dass Wigand ver-
Schweigt, es handle sich in allen diesen Fällen um Vererbung |
trotz stets stattfindender Kreuzung mit nicht abgeänderten Individuen, ein Umstand, den Darwin selbst (siehe oben pag. 29) für geeignet hält, das Aufkommen einer Variation definitiv zu, verhindern.
Die zweite Täuschung besteht darin, dass er die Fälle, bei
welchen die Inzucht unter den Abgeänderten zu einer förmlichen Rassebildung geführt hat (hörnerlose Rinder, Mauchamp-Schafe, die Southdown-Schafe ete.) dem Leser verschweigt.
Was die Darwinische Lehre behauptet, ist: y neue
auftretende Eigenthümlichkeiten werden häufig vererbt — da- gegen hat Wigand selbst nichts, denn er sagt pag. 68, »das sei ohnehin notorisch.« 2) Zur Fixirung gehört, dass die Kreu- zung mit nicht abgeänderten Individuen möglichst verhindert wird, so dass schliesslich Inzucht zwischen den Trägern der neuen Eigenthümlichkeit eintritt. 3) Diese Bedingung wird er- füllt durch die natürliche Zuchtwahl, wenn der neue Charakter nützlich ist, indem dann die nicht abgeänderten Individuen in ihrem Personalstand mehr geschädigt werden, als die abgeän- derten, so dass die ersteren schliesslich der Coneurrenz der
letzteren erliegen. i Wenn also die Transmutisten von einem Fixirtwerden durch
RE H $ 34 E 13 E E E
Ad Fixirung der Abänderungen.
Vererbung sprechen, so ist diess nicht so zu verstehen, dass die Vererbung für sich allein diese Fixirung zu Stand bringe. Wigand unterschiebt ihnen aber das und bemüht sich nun, auf pag: 70 und folgenden darzuthun, dass diess nicht möglich sei, wobei er sich also gänzlich umsonst abmüht. Doch soll ein Punkt aus diesen Deductionen Wigands ausgehoben werden: er behauptet, wenn eine Spezies die Neigung habe, so zu vari- iren, dass Stammform und Varietät etwa in einem Verhältniss von 2:1 oder 1:1 Million auftreten, so bleibe dieses Verhält- niss-in Ewigkeit dasselbe, und daran könne selbst die Ausmerzung durch die Selektion nichts ändern, »unter keinen »Umständen könne von einer Steigerung der Vererbungsfähigkeit »gesprochen werden.« Dagegen ist folgendes einzuwenden: Einmal ist die Behauptung, dass die Neigung zu varüren im Laufe der Generationen unveränderlich dieselbe, und zwar mathematisch dieselbe bleibe, eine von jenen Behauptungen Wigands, für die er keinen Beweis bringt, sondern die nur aprioristische Ableitungen aus seinem Constanzprinzip sind. Fürs zweite ist es überhaupt eine ungerechtfertigte Genera- lisation, das, was man an einem relativ winzigen Bruchtheil von Individuen beobachtet, immer ohne weiteres von der Spezies im Ganzen auszusagen, da die tägliche Beobachtung zeigt, dass in Bezug auf Variationsneigung und Vererbungsfähigkeit die grössten individuellen Differenzen vorkommen. Wenn innerhalb einer Spezies das eine Individuum constant eine sehr gleichartige Nachkommenschaft, das andere constant eine sehr unegale liefert, wie kann man da die Behauptung aufstellen, die gesammte Spezies besitze eine mathematisch bestimmbare, sich stets gleich bleibende Variationsfähigkeit! Fürs dritte ist in obiger Behauptung Wigands die Vor- - aussetzung gemacht, däss es Ursachen gebe ohne Wirkungen,- oder besser gesagt, dass einer Veränderung der Ursachen keine adäquate Veränderung in den Wirkungen entspreche. Die Sache liegt nämlich folgendermassen: | Geben wir zunächst zu, eine Spezies habe die Neigung, fort und fort in zwei bestimmten Variationen A und B aufzutreten,
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Fixirung der Abänderungen. i 45
und zwar so, dass diese Varietäten innerhalb eines Wurfes stets in einem bestimmten Zahlenverhältniss, z. B. wie 2: 1 vorhan- den seien. Wenn von diesen Varietäten keine einen Vortheil im Kampf ums Dasein repräsentirt, also die natürliche Zuchtwahl beiderlei Individuen gleich lang am Leben erhält, so würden wir auf zwei gemischte Ehen von A und B eine Ehe von A
mit A haben. Gesetzt nun, Wigan d hätte Recht, dass in
diesem Falle das Verhältniss der Varietäten A und B stets = 2:1 bleibe, so könnten wir das mathematisch so formuliren, 2AB + AA = 2 (2 A+B). Gesetzt den Fall, die eine dieser Varietäten, z. B. A, sei lebensunfähiger, d. h. der Ausmerzung durch die natürliche Zuchtwahl unterworfen, und zwar so, dass nur die Hälfte der Individuen dieser Art zur Fortpflanzung ge-
lange, so wäre der mathematische Ausdruck für die Ehen ent-
weder A B + AB, d. h. zwei Kreuzehen oder AA + BB, d.h. zwei Harmonieehen. Wenn nun jemand behauptet, dass auch in diesem Fall die Nachkommenschaft = 2 . (2 A -+ B) sei, so
behauptet er, das Hinzutreten einer neuen Ursache sei ohne
Einfluss auf die Wirkung, oder die Aenderung der Faktoren einer Rechnung sei ohne Einfluss auf das Produkt.
Der Behauptung, es könne von einer Steigerung der Ver- erbungsfähigkeit keine Rede sein, stelle ich noch folgendes ge- genüber. Wie uns die Thierzucht aufs klarste lehrt, ist die Vererbungsfähigkeit den grössten individuellen Schwankungen unterworfen, und keineswegs eine allen Individuen einer Spezies oder Rasse in gleichem Masse inhärente Eigenschaft. Die Thier- zucht spricht desshalb von Individuen mit mächtigem Blute und von solchen mit schwachem Blut. Die Steigerung der Ver- erbungsfähigkeit im Laufe der Generationen ist nun einfach auf
die natürliche Zuchtwahl zurückzuführen. Sobald die Eigenschaft, ' um deren Fixirung durch Vererbung es sich handelt, eine nütz-
liche ist, so wird die natürliche Zuchtwahl 1) diejenigen Indivi-
duen, die sie nicht erben, allmählig ausmerzen, 2) unter den
übrig bleibenden mit der fraglichen Eigenschaft ausgerüsteten Individuen tritt eine weitere, allerdings indirekte Auswahl ein, indem diejenigen, welche vererbungsfähiger sind, d. h. die frag-
46 Fixirung der Abänderungen.
liche Eigenschaft vollkommener, d. h. auf möglichst viele ihrer Kinder und in möglichst genauer Weise übertragen, eine zahl- reichere Descendenz produziren als die anderen, und so kommt es zuletzt dahin, dassnur diejenigen übrig bleiben, welche das »kräftigste Blut« haben. Also sobald eine individuelle Variabilität in Bezug auf Ver- erbungsfähigkeit anerkannt wird, sobald weiter anerkannt wird, dass Inzucht der Varietät für die Erhaltung der Abänderung derselben günstig, Kreuzung mit anderen ihrer Erhaltung nach- theilig ist, so bedarf es nur des Eingreifens der Zuchtwahl, um die Gesammtvererbungsfähig- keit zu steigern. | Auf pag. 74 sagt Wigand: »man pflege sich die. all- »mählige Fixirung einer Abänderung mittelst der Zuchtwahl so »vorzustellen, als ob die Natur des Organismus sich mit der »Zeit an die Abänderung gewöhne.« Ich will es ganz un- -entschieden lassen, ob diese Vorstellung eine gute ist oder nicht, wenn aber Wigand sagt, »Gewöhnung sei an sich kein natur- »wissenschaftlicher Begriff,« so muss dagegen energische Ein- sprache erhoben werden. Bei einem Botaniker — Wigand .. ist das — ist es allenfalls verzeihlich, wenn er über die mit diesem Wort bezeichneten Thatsachen noch nicht ernstlich nach- gedacht hat, allein ein Pädagoge und ein Thierzüchter werden denn doch wohl gewaltig protestiren, wenn man behaupten wollte, dass Gewöhnung nichts Reelles sei. Geradezu grotesk ist aber Wigands Ausspruch: »man würde sich diese Ge- »wöhnung "etwa so denken können, wie ein aufrecht gestellter, »aber hin und her neigender Stab durch fortwährende Verhinde- »rung am Umfallen sich immer mehr der senkrechten Gleich- »gewichtslage nähert, wodurch die Neigung, umzufallen, immer »schwächer wird, je kleiner der Neigungswinkel gegen die Ver- »tikale ist.« TR Hat denn Wigand keine Ahnung davon, dass die nur dem lebendigen Organismus zukommende Reaktionsfähigkeit und Regulationsfähigkeit (siehe oben pag. 19) einen totalen Ge- gensatz zwischen ihm und leblosen Dingen schafft? Dem unein-
Fixirung der Abänderungen. R a
geweihten Theil der Leser will ich dikaon Gegensatz mit einem einzigen Beispiel klar machen:
Wenn man einen Wassertropfen continuirlich a dieselbe Stelle eines Steines fallen lässt, so entsteht ein Loch; lässt man ihn auf eine Stelle eines Thierkörpers fallen, so entsteht
‚eine Geschwulst. Wie kann man bei dem Wort »Gewöh- 'nung« an einen Vergleich aus der unorganischen Natur denken! Hier sind auch die Anschauungen von Settegast, auf die sich Wigand beruft, einer Besprechung zu unterziehen. -Settegast bestreitet, dass die Vererbungskraft mit der Zeit ‘sich potenziren solle. Dass diess bei den Hausthieren so ist, kann einem Fachmann, wie Settegast, nicht bestritten werden. Allein wie kommt Wigand dazu, sich auf die Haus- thiere zu berufen, .da er pag. 47 Domestication und Naturzu- stand »für so ‘disparate Gebiete erklärt, dass irgend welche
_ >Analogieschlüsse von dem ersteren auf das letztere durchaus un- »zulässig sind?« Wigand macht es eben so wie alle, die in eine aprioristische Anschauung verbissen sind: was ihnen in den Kram passt, wird genommen, mag es einem Gebiet ange- hören, welchem es will (wie wir oben sahen, sogar aus dem un- Organischen Gebiet), was aber nicht pagdbs von dem heisst es: das gilt nicht!
Doch zur Sache! Der akii s ettegasts het durch- aus nichts Unerwartetes an sich. Aus dem, was ich oben (pag. 34) über die Differenz zwischen Culturthier und Naturthier gesagt habe, ist ganz einleuchtend, . dass das erstere nie jenen Constanzgrad erreichen kann, wie das letztere. -Kein Thier- züchter wird einen Augenblick darüber im Zweifel sein, wo er »kräftiges Blut,« d. h. grosse Vererbungsfähigkeit suchen soll, ob bei einem kräftigen, abgehärteten , temperamentösen, stram- men, vollausgereiften Thiere, oder bei einem schlaffen, verweich- lichten, trägen, in allen seinen Energien herabgestimmten, eigent-
- lich noch kindlichen Thiere? Und das ist nach dem obigen der Unterschied zwischen einem Naturthier und einem Culturthier.
Also steht die Sache so: die Domestication strebt an und
für sich eine Verminderung der Vererbungsfähigkeit an
48 Fixirung.der Abänderungen.
und die Gegenmassregeln, welche die 'Thierzüchter ergreifen, reichen eben nicht weiter als zur Verhinderung dieser Annahme, nicht aber zur Steigerung der Vererbungsfähigkeit.
Auf denselben Conto ist die Leichtigkeit des Ausartens der Culturformen zu setzen. Einem verweichlichten, kindlichen, ein-
seitig gezüchteten Organismus fehlt es an jenem inneren, festen,
morphologischen und physiologischen Zusammenhalt, der ab- ändernde Einflüsse zurückweist. Für jene spezielle Form des Ausartens unserer Gulturformen, die wir deh Rückschla g auf die wilde Form nennen, kommen auch noch andere Momente in Betracht. Bei den meisten Culturformen handelt es sich um eine eins eitige Entwicklung entweder bestimmter ° Körpertheile und Organe oder bestimmter Thätigkeiten etc., und zwar auf Kosten der übrigen. An einem Beispiel wird sich diess klar machen lassen. Bei unserem Schlachtvieh haben wir ex- cessive Fett- und Fleischbildung gezüchtet. Diess konnte nur geschehen 1) auf Kosten des Temperaments, d. h. der Reizlei- tungsfähigkeit und Reizbarkeit von Muskel- und Nervenapparaten, 2) auf Kosten der Athmungsfähigkeit, 3) wahrscheinlich auch (Messungen liegen hierüber keine vor) auf Kosten der Energien und gewisser morphologischer Verhältnisse des Kreislaufapparates. (z.B. Erweiterung vongewissen Gefässprovinzen aufKosten anderer), 4) auf Kosten der Knochenbildung, die Knochen des Schlacht- viehs sind theils wirklich kleiner (Gliedmassen und Gesichtsknochen), theils weniger schwer und kompakt, als die der entsprechenden wilden Individuen. s Uebergeben wir nun ein solches Thier dem Kampf der freien Natur, so werden gerade an diejenigen Or- gane, welche bei obiger Züchtung beeinträchtigt wurden, an Athmungs-, Kreislauf- und Nervenorgane höhere Anfor- derungen gestellt und desshalb ein stärkerer Gebrauch |à derselben eingeleitet. Die interessanten Versuche von R ank e*) | haben dargethan, dass erhöhter Gebrauch eines Körpertheiles
*) Ranke, Die Blutvertheilung und der Thätigkeitswechsel der Organe. Leipzig 1871.
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Fixirung der Abänderungen. 49
eine Veränderung der Blutvertheilung in folgender Weise herbei- führt: Im arbeitenden Theile steigt die Blutmenge (gegenüber |
= dem Ruhezustand) bis auf 80% und in entsprechendem Masse |
sinkt sie in den ruhenden. Die Folge ist mit der Zeit eine
dauernde Erweiterung der Gefässbahnen in den gebrauchten,
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eine dauernde Verengerung in den unthätigen Theilen. Damit]
ist nothwendig verbunden eine reichlichere Ernährung der ersteren ‚und eine spärliche der letzteren, “und als Folge hievon Massen-
zunahme der ersteren und Schwund der letzteren. Analysiren wir nun den obigen Fall weiter. Das erste, was
, inter den neuen Verhältnissen schwindet, ist derjenige Gewebs- 2 bestandtheil, welcher aus der Unthätigkeit der sich bewegenden
Apparate den grössten Nutzen gezogen hat: das Zellgewebe mit
_ dem darin abgelagerten Fett. Die erste Wirkung der natürlichen
Trainirung ist der Schwund des Fettes im interstitiellen Binde-
- gewebe. Etwas eomplizirter ist die Sache beim Muskelfleisch. Während der Arbeit steigt Athmungs- und Pulsfrequenz, das
Blut fliesst rascher und ist sauerstoffreicher, und so fallen die leichtoxydablen Theile des Körpers — und das ist das Fett, wo es auch sei — ihm zum Opfer. Das Muskelfleisch, das bei einem Mastthier sehr viel fein vertheiltes Fett in und zwischen den Muskelfasern führt, wird fettfrei, nimmt also an Masse ab. Eine zweite Veränderung ist folgende. Der unthätige Muskel ist wasserhaltiger als der vielbeschäftigte, die Trainirung raubt ihm einen Theil desselben, was eine neue Volumsverminderung ist. Zum Theil werden nun diese Volumsverminderungen dadurch ersetzt, dass der Gebrauch eine Massenzunahme des Muskels zur Folge hat und desshalb ist der quantitative Unterschied im Muskelfleisch des Natur- und Culturthiers sehr unbedeutend, um So grösser aber der qualitative: das Fleisch des ersteren ist trocken, fettarm und zäh, der des letzteren ist fett, saftig und Mmürbe. :
An diesem Beispiel sehen wir, wie der Rückschlag bei | Unseren Culturthieren in der freien Natur in sehr vielen Fällen | eigentlich fast nothwendig eintreten muss, weil die trainirende | Wirkung des Kampfes um das Dasein die alten, dem Natur- |
Jaeger, In Sachen Darwin’s. 4
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50 Fixirung der Abänderungen.
zustand angehörigen Funktionirungsverhältnisse wieder aufleben lässt und somit schon die Gebrauchsgesetze eine restitutio ad integrum anstreben. Hiezu kommt der prinzipielle Gegensatz der Züchtungsmotive, die zur Folge haben, dass der Culturcharakter dem Thier im Naturzustand nicht bloss nicht nützlich, sondern meist effeetiv schädlich ist. Wird er mithin nicht schon durch die Veränderung des Körpergebrauchs beseitigt, so merzt ihn die natürliche Zuchtwahl aus. #5
Daraus geht hervor, dass die angeführten negativen Fälle aus der Domestication gar nichts beweisen, und dass die wenigen positiven Fälle von Fixirbarkeit einzelner Culturspielarten, z. B. die von Hoffmann Angeführten um so schwerer ins Gewicht fallen. Ueberhaupt hier noch eine Be- merkung! An und für sich ‚schon beweist in solchen Fragen ein einziger positiver Fall mehr als tausend negative. Noch ; mehr fällt, wie bereits gesagt, ein positiver Fall ins Gewicht, wenn er bei Culturformen vorkommt. Endlich sind die zwei Hoffmann’schen Fälle, in denen. die weissblühende Form zweier Pflanzen (allerdings, wie Wigand pag. 177 bemerkt, »wenigstens anscheinend«) eine mit der Zeit prozentisch zunehmende Fixabilität zeigten, desshalb noch von ganz besonderer Beweiskraft, weil der Leucismus — wenigstens bei den Thieren — als Zeichen geschwächter Constitutionskraft gilt, also von Leueisten am wenigsten Vererbungskraft erwartet
‚werden sollte. Somit spricht für die Möglichkeit einer Fixirung
durch Vererbung nicht bloss die theoretische Erwägung, sondern auch Thatsachen.
' Auf pag. 78 hebt Wigand noch einmal hervor, dass Darwin selbst von der grossen Unwahrscheinlichkeit der Er- haltung von Abänderungen, welche nur in einzelnen Individuen auftreten, überzeugt zu sein erkläre, und fährt dann fort. »Ob- »gleich hiermit die erste und wesentlichste Voraussetzung der »natürlichen Zuchtwahl aufgegeben worden ist, so lässt nichts »destoweniger Darwin seine Theorie fortwährend in neuen Auf- »lagen erscheinen.«
Diesem Satz gegenüber kann ich nicht umhin, »deutsch« zu
Fixirung der Abänderungen. 51
reden und zu sagen: der Vordersatz ist eine Unwahrheit, der Nachsatz eine Gemeinheit. Ad Punct Nr. 1: Grosse Unwahr- Scheinlichkeit ist nicht gleichbedeutend mit Unmöglichkeit, sondern mit Seltenheit, weil besonders günstige Umstände dazu gehören, weiter spricht Darwin bloss von solchen Abänderungen , die >» mmer in einzelnen Individuen« auftreten, nicht aber von solchen, die in vielen Individuen erscheinen; er gibt also der natürlichen Zuchtwahl einen engeren Spielraum (wie ich nachher zeigen werde, mit Unrecht), aber keineswegs entzieht er ihr die Voraussetzung. Ad Punct Nr. 2 nur so viel: wer es fühlt, dass der .Nachsatz eine Gemeinheit ist, dem brauche ich es nicht zu sagen, und wer es nicht fühlt, dem erst recht nicht !
Nun noch ein Wort bezüglich der Erhaltung vereinzelt auf- tretender Abänderungen. Ich gebe Darwin zu, dass hiezu
seltene günstige Umstände gehören, der eine ist ungewöhnliche
Zähigkeit der Vererbung, der andere entschiedenes Uebergewicht der Abänderung im Kampf ums Dasein, und endlich alle die Momente, welche möglichst rasch die Gefahr der Kreuzung mit
nicht abgeänderten Individuen beseitigen. Zum letzteren eine
Bemerkung aus meinem Erfahrungsgebiet.
In die Thiergärten werden zahlreiche Individuen einer Thier- art eingeführt, ohne dass es gelingt, eine Fortpflanzung der- selben zu erzielen, z. B. Papageien, endlich langt ein Pärchen an, das züchtet, also eine Varietät ist in Bezug auf die Fortpflan- zungsfähigkeit. Da von den nicht züchtenden Individuen keine
Kreuzung zu besorgen ist, so befindet sich ein so variirendes
Pärchen sofort isolirt, der Nachschub von wilden: Indivi- duen wird eingestellt, nur von eigenem Material gezüchtet und die Akklimatisation ist fertig, weil auch in der Folge von Seiten etwa nicht züchtender, also zurückschlagender Individuen keine Kreuzung zu befürchten ist.
Aehnliches, d. h. plötzliche Isolirung kann auch bei der Akklimatisation in der freien Natur stattfinden, z. B. eine flug- bare Thier- oder Pflanzenart sendet fort und fort Colonisten ` nach einem neuen Territorium, z. B. einer benachbarten Insel,
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592 ; Fixirung der Abänderungen.
oder einem durch Meer von der Urheimath getrennten Festland. Die ursprüngliche Beschaffenheit der Art ist so, dass diese Co- lonisten nach kurzer Frist immer wieder vernichtet werden, sei es durch Klima, sei es durch Concurrenten, sei es durch Feinde. Tritt nun unter den vielen Tausenden und aber Tausenden von Individuen, die im Verlauf der Jahrtausende in das neue Terri- torium verschlagen werden, auch nur Ein Pärchen, ja nur ein Individuum auf, welches in einer solchen Weise abgeändert ist, dass ihm die Ansiedlung und Fortpflanzung ermöglicht ist, so ist es sofort isolirt, also die allerwichtigste Bedingung für die Erhaltung erfüllt. .
Allein nicht bloss bei der von Moriz Wagner so ein- seitig betonten geographischen Migration, sondern auch bei der von mir so genannten biologischen Migra- tion sind solche Vorkommnisse möglich. Setzen wir den Fall, einige wenige Individuen eines pflanzenfressenden Insektes gehen in Folge einer Instinktvariation (oder örtlicher oder zeitlicher Zwangs- lage) auf eine andere Nahrungspflanze über. Nun wissen wir, dass Aenderung der Nahrung sehr leicht den spezifischen Aus- dünstungsgeruch eines Thieres ändert und zweitens, dass bei sehr vielen Thieren (Säugethieren und Insekten) die Geschlechter
.sich durch das Geruchsorgan suchen und der sympathische Ge-
ruch eine Hauptrolle in der Erotik derartiger Thiere spielt. So- bald nun die wenigen, zu anderer Nahrung übergegangenen In- dividuen einen fremdartigen Ausdünstungsgeruch angenommen haben, so liegt die Annahme sehr nahe, dass sie von den andern zurückgewiesen und zur Inzucht nicht bloss gezwungen sein, sondern sich in Folge der gleichartigen, also sympathischen Aus- dünstung schon an und für sich zur Inzucht hingezogen fühlen werden.
Um dem Laien, der die Feinheit des Geruchsinns der frag- lichen Thiere nicht kennt, eine Vorstellung hievon zu geben, nur ein Beispiel! Mein Freund Trinker hat die Gewohn- heit, wenn ihm von einem seltenen Schmetterling ein Weibchen aus der Puppe schlüpft, dasselbe nicht sofort zu tödten, sondern
lebend bei offenem Fenster auszusetzen, um damit Männchen ra
Fixirung der Abänderungen. er.
anzulocken. Auf diese Weise hat er mit einem Weibchen von Sphinx ligustri mitten in der Stadt Stuttgart zwei Dutzend von Männchen in Einer Nacht gefangen, ebenso viele mit einem
Weibchen von Sphin« ocellata. Will man einem weisellosen
Bienenstock eine neue Königin geben, so muss man sie »ver- wittern,« sonst wird sie als fremd zurückgewiesen etc.
Zum Ueberfluss möchte ich hier unter Hinweisung auf die pag. 10 aufgestellte Rechnung noch einmal bemerken: Wenn das Erblichsein einer individuellen Variation und das Fixirtwerden derselben durch sofortige oder allmählige Isolirung etwas so all- tägliches wäre, wie es Wigand verlangt, so müsste die orga- nische Welt an Formenmannigfaltigkeit das unendlichfache von dem bieten, was sie in der That bietet. Rechnen wir noch einmal: Gesetzt, die Thierwelt sei 20 Millionen Jahre alt und die Zahl aller Thierarten, recent und fossil zusammen, betrage 1 Million. Nehmen wir weiter an, dass es anfänglich nur Eine
Spezies gab, und die Artbildung stets im gleichen Tempo erfolgt
Sei, so kommt es alle 20 Jahre zur Bildung Einer neuen Art. Nehmen wir einen stabilen Artenstand von 200,000, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass unter den individuellen Variationen, welche irgend eine Spezies im Laufe eines Jahres produzirt, eine auftritt, die zur Artbildung gelangt wie 1 : 4,000,000 oder anders ausgedrückt: eine bestimmte Spezies hat im Laufe von 4 Mil- lionen Jahren nur ein einzigesmal die Chance gehabt, eine neue -Art zu bilden. Dem gegenüber ist es nicht, wie Wigand pag. 78 sagt: »eine verschwindende Minderheit,« wenn H o ff-
mann unter seinen Versuchen bei vier Varietäten Fixirbarkeit durch Vererbung und bei zwei weiteren sogar mit der Zeit pror ae |
Zentisch zunehmende Fixirbarkeit fand.
Wigand erhebt den Vorwurf gegen Darwin, »dass die »Art, wie er das Gesetz der Vererbung formulire und mit der >Variabilität in Verbindung setze, willkürlich und voller Wider- >sprüche sei.« Was den letzteren Vorwurf betrifft, so liegen die Widersprüche in der Natur der Sache. Die Vererbungs- erscheinungen zeigen unter sich so viele Widersprüche wegen des fortwährenden Ringkampfes zwischen Vererbung und Variabilität,
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5% Fixirung der Abänderungen.
in welchem eben bald die erstere, bald die letztere die Ober- hand bekommt, dass jeder Berichterstatter über dieses Gebiet scheinbar um so mehr sich in Widersprüche verstrickt, je ehr- licher und gewissenhafter er ist.
Ueber den Vorwurf der Willkürlichkeit erlaube ich mir fol- gendes auszuheben. Auf pag. 81 sagt Wigand: »Vererbung »und Variation in Darwin’ schem Sinne sind im Grund ganz unvereinbar; denn anzunehmen, dass die Spezies die Neigung »habe; ihre Eigenschaften zu vererben und zugleich die Neigung, »ihre Eigenschaft abzuändern, ist ein Widerspruch, welcher nur „dadurch beseitigt wird, dass man die beiden Begriffe in der »Verbindung, in welcher sie in der Natur ‘verknüpft sind, stehen »lässt, nämlich so, dass der Vererbung das a llgemeine nur »durch ein gewisses Mass von Variabilität beschränkte Gesetz vist, und dass es überdiess verschiedene Eigenschaften sind, von »denen die einen streng vererbt werden, während die andern »unabhängig von jenen variabel und unvollkommen erblich sind. »Aus diesem naturgemässen Zusammenhang reisst Darwin »die beiden Prinzipien heraus und operirt damit als mit ganz „abstrakten Begriffen oder Schlagwörtern ganz beliebig. Gilt es »die Fortbildung zu erklären, so stellt sich das Prinzip der unbe- »gränzten Variabilität — gilt es die Fixirung der neuen Formen »zu erklären, so stellt sich das Prinzip der gesteigerten Ver- »erbung als bequemes Mittel zur Verfügung.«
Das sieht nun allerdings für den uneingeweihten Leser höchst gravirend aus, während doch die Sache einfach so liegt.
Der Widerspruch zwischen Vererbung und Variabilität wird allerdings zum Theil dadurch beseitigt, dass die variirenden Charaktere andere sind als die sich vererbenden, aber auch nicht so, wie Wigand sagt: es muss beigesetzt werden »bei einem und demselben Individuum, denn ab- straktgenommenist es falsch, da jeder Spezies- charakter variabel und jeder auch constant ver- erbungsfähig ist, d. h. beim einen Individuum varürt er,
- beim andern vererbt er sich constant. Wigand entpuppt sich also auch hier äls Generalisator und er ist es, der das Prinzip
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_ Fixirung der Abänderungen. 55
aus seinem natürlichen Zusammenhang, aus dem Individuum, herausreisst und es mit dem »abstrakten Begriff« der Spezies verbindet. Dann ist es allerdings ein Widerspruch, wenn man
sagt, dieses Merkmal sei constant und veränderlich zugleich.
Sobald man aber den natürlichen Zusammenhang lässt, so heisst es: dieser Charakter ist beim Individuum A constant, d. h. es vererbt ihn, und beim Individuum B ist er variabel, was voll-
_ ständig mit den Thatsachen harmonirt. >
Nun’liegt die Sache so: Eine Spezies, in welcher überhaupt
Variabilität vorkommt, ist eine Summe von zweierlei Indi-
viduen, von constanten, d. h. den Durchschnittscharakter der
Individuen, d. h. den Speziescharakter streng vererbenden und von varlirenden. Die Variirenden selbst zerfallen wieder in
solche, die die Variation streng vererben und in solche, die
| rückschlagende Nachkommen erzeugen. Diese dreierlei Individuen
ringen gewissermassen mit einander, oder wie sich Wigand pag. 81 abstrakt ausdrückt, »die beiden entgegengesetzt wir-
‘»kenden Neigungen concurriren mit einander.< »Nun,« sagt
Wigand, »kommt Darwin, reisst die beiden Prinzipien »heraus und operirt bald mit dem einen, bald mit dem andern, »wie es ihm in den Kram passt.< Nein! Die natürliche Zucht- wahl kommt und entscheidet, ob in dieser Concurrenz die con- stanten Individuen oder die mit Vererbung der Variation varii- renden obsiegen. .- ‚Ist eine Art für die obwaltenden Existenz-
bedingungen vollkommen angepasst, so werden die constanten | Individuen die Oberhand behalten, die variirenden ausgemerzt
.oder nur sporadisch auftauchen; ist dagegen die Anpassung un-
vollkommen (wegen Uebersiedlung unter andern Existenzbeding- ungen, oder weil sich letztere in loco geändert haben), sobe- günstigt die natürliche 'Zuchtwahl die in einer nützlichen Weise variirenden und unter diesen wieder die, welche diese Variation verderben. Das ist die grausame Willkür Darwins!
Zum Schluss tischt nun Wigand noch die von Huber mitgetheilte Berechnung auf, die Seidel über den die Fixirung einer neu auftauchenden Variation hindernden Einfluss der Kreuzung gemacht hat: Gesetzt, unter 100 Individuen befinden
Hi
Eiern a gere - i Kar, Sp y ý ven X ” Pr N ea a a N ETAGE — ehren à num m
56 Fixirung der Abänderungen.
‘sich je vier in bestimmter Weise abändernde und bei jeder Generation wird die Individuensumme um das 100fache ver- mehrt. Nun berechnet obiger Mann Gottes, »dass die Wahr- »scheinlichkeit, wonach der Abänderungscharakter in der ersten »Generation (den Kindern) noch unverändert als »Vollblut« vor- »handen ist = 16 ist, in der zweiten Generation (Enkel) aber »nur = 2,56, in der dritten Generation (Urenkel) = 0,00000554, »in der vierten (Ururenkel) = 0,00000000000000499.« Zu dieser Rechnung »ohne den Wirth« erlaube ich mir einige Rand- glossen zu machen.
Wenn das Individuum sich hundertfach vermehrt, so haben 100 Individuen 10,000 Kinder, 1,000,000 Enkel, 100,000,000 Ur- enkel und 10,000 Millionen Ururenkel. Hält Herr Wigand es für möglich, dass auf einem Territorium, wo 100 Individuen so stehen," dass sie sich beliebig vermischen können, schon in der vierten Generation 10,000 Millionen Individuen Platz haben? Nehmen wir den bescheidensten Fall, es seien diese Individuen Pflänzchen, von denen Eines 1 Quadratdezimeter Raum braucht, so müsste die Nachkommenschaft sich in 4 Jahren einen aus- schliesslichen Raum von 1000 Hektaren erobern, im fünften Jahr von 100,000 Hektaren und im sechsten von 10 Millionen Hektaren. Da wird denn doch wohl erlaubt sein, einen recht beträchtlichen Abstrich zu machen auf Rechnung der Vernich- tung, welche der Kampf ums Dasein bewirkt. Wie nun, wenn diese Vernichtung in überwiegendem Masse die nicht abgeän- derten Individuen trifft? Setzen wir z. B. den Fall, von den abändernden werde gar kein Individuum vernichtet, so liefern die obigen vier Individuen 400 Kinder, 40,000 Enkel,- 4 Millionen Urenkel und 400 Millionen Ururenkel, sind’ also im Stande, schon in 4 Jahren durch die CGoncurrenz ihre Nebenbuhler aus einer Fläche von 40 Hektaren zu vertreiben. Der zweite Wirth, ohne den die Rechnung gemacht wurde, ist die natürlich nur bei Thieren gültige pag. 52 hervorgehobene Neigung zur Inzucht. Wenn diese bei den obigen 4 Individuen vorhanden ist, so ver- mehren sie sich ganz unbekümmert um die andern, und wenn ihnen die Zuchtwahl behülflich ist, so sind sie»sim Stande, in
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Die Häufung der Abänderungen. 57
kurzem die Majorität und schliesslich die Alleinherrschaft zu er- fingen. So schliessen wir denn auch dieses Capitel mit der Ueber- * zeugung, dass es Wigand auf keinem Punkt gelungen ist, das Gefüge der Darwin’schen Lehre zu erschüttern, und dass alle seine Rechenexempel, an denen er zeigen will, dass die Lehre irrig sei, desshalb falsch sind, weil er gerade den Faktor, dessen Einfügung in die Rechnung Dar wins Verdienst ist, die natür- liche Zuchtwahl, beharrlich ignorirt, d. h. aus der Rechnung weglässt. Sobald man sie in die Rechnung einfügt, stimmt sie mit der Voraussetzung, und das beweist am besten die Wirk- samkeit des Selektionsprinzips.
IV. Die Häufung und das Fortschreiten der Abänderungen.
. Für den Vorwurf, den ich Wigand am Schluss des vorigen Capitels machte, liefert der Anfang des vierten den schönsten Beweis. Wigand sagt:
»Nach Darwin soll sich nicht bloss die Fixirung einer »Abänderung, sondern auch das Fortschreiten des Umwand- »lungsprozesses durch Wiederholung und Häufung ausschliesslich durch die Variabilität und Vererbung vollziehen.« Wer hat das behauptet? Lautet nicht die Darwinische Lehre klar dahin, dass Variabilität und Vererbung für sich allein gar nichts Neues schaffen können, sondern nur die natürliche. Aus- Wahl den Karren vom Fleck zieht? Mithin ist obige Behaup- tung Wigands zum mindesten eine Unwahrheit, wenn nichts
R Schlimmeres. Uns braucht Wigand nicht erst zu sagen: diese Faktoren (Variabilität und Vererbung) allein reichen für
58 Die Häufung der Abänderungen.
»den vorliegenden Zweck keineswegs aus,» das wissen wir selbst.
Wigand gibt folgende Darstellung des Häufungsvorgangs: »Nach Darwins Annahme vergrössert sich durch die Variabilität »des Organismus, z. B. der betreffende Körpertheil um ein Ge- ! əringes — diese Veränderung wird wegen ihrer Nützlichkeit er- shalten und durch Vererbung fixirt. Sodann macht sich von „Neuem die Variabilität geltend; unter allen möglichen Abände- „rungen des betreffenden Theils erscheint wiederum nur dessen »weitere Vergrösserung nützlich, wird desshalb erhalten und »fixirt, — neue Variation, neue Erhaltung derjenigen Individuen, = »welche gerade eine Vergrösserung des Organs erhalten haben, »— Fixirung dieser Eigenschaft und so ins Unbestimmte fort. »Zur Versinnlichung dieses Vorgangs kann ein Apparat dienen, „welcher dazu bestimmt ist, die schwachen Oseillationen eines »Pendels ohne Aufwendung einer neuen Kraft (sic!) allmählig »zu einer unbegränzt rotirenden Bewegung zu steigern und so »eine sehr wohlfeile Arbeitskraft zu gewinnen. Sobald nämlich »die Schwingung des Pendels in einer Richtung, z. B. nach „rechts das Maximum, etwa 1°, erreicht hat, bedarf es nur den »Pendel in dieser Lage zu arretiren (ist denn das Arretiren »möglich »ohne Aufwendung einer neuen Kraft?« Jaeger), worauf „derselbe von dieser Ruhelage aus von Neuem um 1° zu oscil- »liren beginnt, sobald das Maximum nach rechts erreicht ist: »neue Fixirung (wiederum ein neuer Kraftaufwand! Jaeger) — »neue Schwingung) ete. Der Fehler bei diesem Paradoxon liegt »in der Annahme. ...« — den Satz will ich schliessen — dass ein lebendiger Organismus ein Pendel sei. Nur ein Mann, der mit dem Nagel der Constanztheorie durch den Kopf an die Wand geheftet ist und desshalb selbst einem Pendel gleicht, kann 1) auf einen so horrenten Vergleich kommen und 2) auf den genialen Gedanken, einem Pendel dadurch eine fortschreitende Bewegung zu geben, dass er das ausschwingende Gewicht arre- tirt, statt dass er die hiezu nöthige Kraft auf den Aufhänge- punkt das Pendels wirken lässt. Die Krönung dieser Pendel- theorie bildet aber der Satz auf pag. 87: »Selbst durch die An-
Die Häufung der Abänderungen. | 59
>nahme einessich spontan aus der Buhlige erhebenden lebendigen »Pendels würde das Problem (d. h. des Fortschreitens) nicht ge- »löst!« Das ist leider gewisslich wahr!
Der letzte Fehler ist der, dass er die natürliche Zuchtwahl für keine »neue Kraft ‚oder Ursache« gelten lässt, während sie von allen Kräften, die auf den Organismus wirken, die continuir- lichste und beharrlichste ist. Will man auf die Pendeltheorie, die Wigand so sehr ans Herz gewachsen ist, eingehen, so
- Muss man dem Pendel einen beweglichen Aufhänge- Punkt geben, und jetzt kann man darüber disputiren, ob z. B.
ein Magnet dadurch, dass er auf das schwingende Gewicht in einer bestimmten Richtung anziehend wirkt, d. h. die Exkursion des Pendels nach dieser Seite erleichtert, nach der entgegen-
Sesetzten erschwert, im Stand ist, den Aufhängepunkt des Pen- ~“
dels zu verrücken. Aber wenn sich Wi sand in seinem Buche
Mehrmals die Mühe gibt, zu beweisen, dass ein Pendel mit
festgenageltem Aufhängepunkt durch alles Oscilliren nicht vom Fleck kommt, dann ist das doch wirklich mehr als leeres Stroh Sedroschen. ial
Doch folgen wir Wi gan d weiter: »das Fehlen bei diesem _ »Paradoxon liegt in der "Annahme, dass der Pendel, nachdem ?er am Zurückschwingen gehindert und in eine künstliche Ruhe- lage gezwungen worden ist, noch ebenso die Neigung besitze, >ZzU oscilliren, wie er sie in der ersten Lage hatte. Ebenso bei »der fortschreitenden Variation. Die abgeänderte organische »Form, nachdem sie einmal fixirt ist, hafan sich nicht die Seige nach derselben Seite zu variiren, diese Neigung >ist mit der ersten Abänderung erschöpft.« Für eine so kühne Behauptung sollte doch der, welcher sie auf- Stellt, auch einige Beweise bringen, das geschieht aber keines-
Wegs, offenbar glaubt Wigand den Beweis durch seinen Ver-
Sleich mit dem Pendel erbracht zu haben und zwar so: »die >Variirende Spezies gleicht einem oscillirenden Pendel, und da bei »letzterem die Neigung, zu oscilliren mit dem Maximum des Aus- >schlags erschöpft ist, so ist auch bei der Spezies die Neigung, >zu variiren, mit der ersten Variation erschöpft.
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60 Die Häufung der Abänderungen.
Wigand fährt fort: »Hätte diese Spezies überhaupt die »Fähigkeit, weiter zu variiren, so würde sich dieselbe gleich im »Anfang oder auch im Laufe der Zeit geltend machen, ohne dass ves dabei einer Fixirung und Zuchtwahl bedürfte.« Hinter diesem Satz steckt erstens jener in seiner Nichtigkeit schon früher ge- _ brandmarkte Prädestinationsglaube, dem Wigand denn doch selbst im gleichen Augenblick, wo er ihn ausspricht, in gelindem Masse wieder verläugnet, wenn er sagt, es könne sich auch verst im Lauf der Zeit« das Maximum der Variationsfähigkeit einstellen, was ja auch wir behaupten. Zweitens ist es falsch, den Einfluss der Fixirung und Zuchtwahl auf den Fortschritt der Variation zu läugnen. Wigand hat pag. 82 selbst darauf hingewiesen, dass die freie Kreuzung zwischen Abgeänderten und Nichtabgeänderten das Variiren beeinträchtige, wenn nun die Zuchtwahl eine allmählige Isolirung der Varietät herbeiführt und diese nur noch Inzucht treibt, soll das ohne Einfluss auf die Fähigkeit sein, in einer bestimmten Richtung zu variiren? Dann noch ein Wort über Fixirung. Wigand spricht von ihr als einergezwungenen Ruhelage. Er versteht darunter, dass der neue Charakter in Conflikt stehe mit der Neigung, zum ursprünglichen Charakter zurückzuschlagen. Nun, das mag an- fangs sein, gerade so wie bei einem Baumzweig, den man ge- waltsam niederbindet, anfangs auch die Neigung besteht, in seine ursprüngliche Lage zurückzukehren; allein, wenn er lang genug in dieser Zwangslage war, so haben sich die Spannungen ausgeglichen und von einer Zwangslage ist nicht mehr die Rede. Da wir doch eine greifbare Vorstellung von solchen Verhältnissen schaffen müssen, so können wir sagen: die in einem bestimmten Organ eingetretene Abänderung hat das bisherige Gleichgewicht zwischen ihm und den übrigen Organen gestört und so lange sich die letzteren diesem neuen Sachverhalt durch consecutive Abänderung ihrer selbst nicht accomodirt haben, können wir bei der neuen Form von einer Zwangslage sprechen; haben sie sich aber äccommodirt, so ist das Gleichgewicht wieder hergestellt, und das heissen wir »fixirt sein.« Wenn dem nicht so wäre, wie käme es dann, dass bei solchen fixirten Rassen der Rück-
Bedeutung der künstlichen Zuchtwahl. 61
Schlag auf frühere Form seltener eintritt, als es zuvor der Fall ist? Wenn diese Auffassung von’ der Sache — wenn auch nur bildlich — richtig ist, so steht eine fixirte Form einer neuen
_ Variation des erst variirt habenden Organs vollkommen unbefangen gegenüber, weil das Widerstreben der übrigen Organe gebro-: Chen ist.
Ungemein naiv ist das Wigand’ sche Gleichniss von der Heuschrecke: »der Fall wäre jetzt etwa so, als wenn jemand »behaupten wollte, eine Heuschrecke könne sich durch unzählige >wiederholte Sprünge allmählig bis in die Wolken erheben. Eine ’Solche Summirung der Sprünge ist aber desshalb nicht möglich, weil jeder aktive Sprung aufwärts mit einem ebenso tiefen pas- ’Siven, durch die Schwere bewirkten Rückfall (Atavismus) ver- >bunden ist.« Ich will Herrn Wi gand noch mit einem Gleich- niss aufwarten, der bairischen Polka: zwei Schritt rechts, zwei Schritt links, und dreimal um sich selbst gedreht, bringt auch die Leute nicht vom Fleck. : !
Die übrigen Ausführungen in diesem Kapitel sind von
‚Sleichem Schlage, wie die besprochenen, so dass wir sie dem
Urtheil jedes Lesers überlassen können , rathen aber die Durch- lesung, weil noch ein paar wunderbare Gleichnisse (z. B. von den balancirenden Stäben) kommen , mit denen überhaupt W i- Sand viel freigebiger ist als mit Beweisen.
V. Bedeutung der künstlichen Zuchtwahi für die Selektionstheorie. Auf die in diesem ‚bezeichnenderweise sehr kurzen Capitel
behauptete totale Verschiedenheit der natürlichen und künstlichen “üchtwahl habe ich bereits pag. 33 geantwortet. Es bleibt nur
Noch folgendes nachzutragen.
62 = Bedeutung der künstlichen Zuchtwahl.
1) Behauptet W i gan d die Heterogeneität des Mat erials — beläufig gesagt, ein sehr schlechter Ausdruck, denn man glaubt, dass er damit sagen wolle, die in der Cultur verwen- deten Organismen seien etwas wesentlich anderes; er meint aber darunter die Art der benützten Variationen. »Die „Variationen in der Cultur beziehen sich mehr auf die Structur, »den Chemismus, blosse Dimensionsverhältnisse und auf die rück- »schreitende Metamorphose (?),« »wogegen die Variationen, wie »sie sich in der freien Natur finden oder ‚wenigstens für die » Ausbildung systematischer Typen vorausgesetzt werden, wesent- »lich morphologischer Natur sein müssen.« Diese Behauptung ist falsch. Für jeden Unbefangenen sind unter den Differenzen zwischen den Rassen einer Culturart soviel morphologische, als nur irgend wünschenswerth, und zwar mit Bezug auf fast alle Organe. Wenn Wigand Obiges behauptet, so wäre er hier verpflichtet gewesen, eine strikte Definition des Begriffs »mor- phologischer Charakter« zu geben; und dann im Detail nachzu- weisen, dass diese Bezeichnung für die einzelnen differenziellen Charaktere der Culturrassen nicht anwendbar sei. Er hat diess wohlweislich unterlassen, weil es unmöglich ist. Weiter sagt er: »die Culturvariationen bewegen sich innerhalb bestimmter Gränzen »(ist richtig! Jaeger), die in der freien Natur müssen ihrer Ex- »tension nach unbegränzt sein (ist falsch, da sie nicht über den Rahmen der Mutterspezies hinaus zu gehen brauchen, worüber später des Näheren zu handeln sein wird. Jaeger). Weiter sagt ‚er: »die Culturvariationen werden grossentheils durch die äussern »Lebensbedingungen bestimmt.« Da er srossentheils sagt, SO lässt er innere Ursachen zu, und wegen einem mehr oder weniger soll hier nicht gestritten werden, wenn er aber sagt, dass die Naturvariationen »durch innere, nicht aber durch äussere Ur- sachen bedingt sein müssen ‚« SO ist das falsch. Hiegegen sprechen die von ihm selbst so oft angeführten Standortsvarie- täten, zu denen noch die Standortsspezies gehören. Es gibt unter Thieren und Pflanzen eine Menge von Arten, deren spe- zifische, d. h. sie von ähnlichen Spezies unterscheidende Merk- male mit der höchsten Wahrscheinlichkeit als direkte oder in-
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Bedeutung der künstlichen Zuchtwahl. 63
direkte Wirkungen der Standortsbedingungen aufgefasst werden
müssen. Zahlreiche Belege liefern hier die Faunen und Floren
der Hochgebirge, des Salzbodens, der Wüste, der Flussufer ete. 2) Sagt Wigand, auch die Produkte lassen sich nicht vergleichen, »indem die Spezies und Gattungen von den künst- »lichen Rassen nicht bloss relativ, sondern. absolut verschieden Sind.« Hier stellt er eben einfach eine Behauptung gegen eine andere, ohne auch nur einen Versuch zum Beweis zu machen. 3) Sagt er, seien die Prozesse selbst »sowohl in Be- >ziehung auf das auswählende Subjekt, als in Beziehung auf das >Motiv der Auswahl vollkommen heterogen.« — Das ist nur für die Kunstrassen, nicht aber für die Naturrassen der Hausthiere richtig. — »Der einzige hiernach übrig bleibende Berührungs- Punkt ist eine ganz äusserliche und untergeordnete Aehnlichkeit >im Effekt; und nur dadurch, dass man den Umstand, dass von ’Mehreren (nein, sehr vielen! Jaeger) nur etliche, durch ge- Wisse Eigenschaften im allgemeinen Untergang gerettet werden,
in sehr uneigentl ichem Sinne als »Wahl« bezeichnete,
’würde (wenn auch gegen den bildlichen Ausdruck an sich >selbstverständlich durchaus nichts zu erinnern ist) zwischen den »beiden Prozessen eine Aehnlichkeit im W o r t geschaffen, welche >über die Aehnlichkeit in der Sache weit hinaus geht und offen-
>bar Veranlassung zu jenem unmotivirten Analogieschluss ge-
geben hat.« In diesen Worten wird die Uebereinstimmung einmal geringschätzend behandelt, womit Wigand doch eigent- lich nur auf Laien einzuwirken hoffen kann, und dann wird sie Unvollständig behandelt. Die Berechtigung, von der künstlichen Zuehtwahl auf die natürliche zu schliessen, liegt in. folgendem.
.. 1) Beweist die künstliche Zucht, dass die Organismen Überhaupt abgeändert werden können, dass also ihr Organisches Gefüge nicht diejenige Starrheit hat, die es bei
losser Betrachtung der. frei lebenden Organismen zu haben Scheint. Ea ' '
2) Da die von der Cultur behandelten Organismen die Nach-
Ommen von wild lebenden Individuen sind, so beweist die Do-
Mestication, dass auch wild lebende Thiere im
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64 Bedeutung der künstlichen Zuchtwahl.
Laufe der Generationen abgeändert werden können.
3) Beweist die Domestication, dass diese Abänderungen nicht auf einmal ihr Maximum erreichen, sondern nur von Ge- neration zu Generation gesteigert werden können, was in Ueber- einstimmung steht mit der durch die Paläontologie nachgewie- senen Thatsache, dass die Thier- und Pflanzenwelt im Ganzen gleichfalls eine gradweise, mit der Zeit fortschreitende Verände- rung erfahren hat.
4) Wir kennen aus der vielhundertjährigen Praxis der Do- mestication die Mittel, welche es dem Menschen ermöglichen, die Organismen im Ganzen und in ihren einzelnen Theilen zu verändern. Dieselben lassen sich kurz in Folgendem zusammen- fassen: Aenderung der Intensitätsgrade der Funktionirung (Ge- brauchswirkung), Aenderung der Nahrung, der Wärmeverhält- nisse, der Feuchtigkeit etc., Aenderung der Blutmischungsverhält- nisse bei der Befruchtung, Benützung all der den verschiedensten inneren und äusseren, theils bekannten, theils unbekannten Ur- sachen entspringenden individuellen Abänderungen dadurch, dass man die dem Züchtungsziel entsprechenden Individuen zur allei- nigen Nachzucht auswählt und die andere vernichtet, also Se- lektion treibt. Die Uebereinstimmung zwischen Domestication und Freileben besteht nun darin, dass die freie Natur gleichfalls über alle diese Abänderungsmittel verfügt und zwar in unendlich verstärktem Masse, 1) inso- fern, als ihr unendlich grössere Zeiträume zu Gebot stehen und - 9) insofern sie alle diese Abänderungsmittel mit unendlich grös- serer Präzision und Beharrlichkeit anzuwenden im Stande ist, als der Mensch.
5) Daraus ziehen die Transmutisten den Schluss: Wenn die genannten Mittel in den Händen des Menschen im Stande sind, grössere und bis zu einem gewissen Grade dauerhafte Abände- rungen zuwege zu bringen, so ist lediglich kein Grund vorhan- den, anzunehmen, dass die Anwendung der gleichen Mittel seitens der freien Natur erfolglos sein sollte. Wer das Ge- gentheilbehauptet, derist beweisfällig, muss
-
Der Kampf ums Dasein. 65
eine reale, experimentell zu erhärtende Ur- Sache aufweisen, die im Stande ist, den Effekt zu vereiteln. Eine solche hat Wigand in seinem Buche nirgends nachge- wiesen, denn der Satz von der absoluten Unveränderlichkeit der Spezies ist eine Redensart, die um kein Haar mehr werth ist, als die andere Behauptung: die Spezies sei ein Pendel.
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- VI. Der Kampf ums Dasein als Voraussetzung der natürlichen Zuchtwahl.
Dieses Kapitel des Wigand’schen Buches ist psychologisch höchst interessant, indem es zeigt, in welchem Masse ‘der .ge- Sunde Menschenverstand durch ein eingewurzeltes Vorurtheil mit Blindheit geschlagen werden kann, und man ist versucht, zu glauben, Wigand habe es als Illustration zu dem seinem Buch mitgegebenen Motto geschrieben :
»Da seht, was aus dem Verstande werden kann, »wenn er auf verbotenen Wegen schleicht.<
Zuerst muss gegen folgendes protestirt "werden. Darwin
hat eine ganze Summe von Ercheinungen in der belebten Welt
— nämlich, wie Wigand sagt, »die einfache Wahrheit, dass
>von der ungeheuren Zahl von Keimen, welche die Natur pro-
>duzirt, eine sehr grosse Zahl niemals das erwachsene Alter er-
»reicht < und, wie ich hinzusetze, von den in das erwachsene
Alter Eingetretenen ebenfalls viele ein vorzeitiges Ende erreichen,
weil sie durch die verschiedensten Einflüsse früher vertilgt werden
— unter dem Terminus »der Kampf um s Dasein« zusammen- Sefasst. Nun kommt Wigand und sagt:
= »Man braucht den Begriff »Kampf ums Dasein< sowohl im
>Sinne eines Wettkampfes als auch ohne alle Beziehung zu einer
>Concurrenz, man braucht ihn sowohl für eine Coneurrenz unter
Jaeger, In Sachen Darwin’s, 5
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66 Der Kampf ums Dasein.
»den ungleich abgeänderten Individuen derselben Art, als auch »zwischen verschiedenen Arten, — man braucht ihn sowohl in »solchen Fällen, wo derselbe für die Erhaltung einer gewissen »Form entscheidend ist, als auch in solchen Fällen, wo eine »solche Entscheidung durchaus nicht stattfindet. Gegenüber »diesen Auffassungen, wonach am Ende jede Thatsache, wo ein »Wechsel der individuellen Existenzen stattfindet; als ein Beleg »für die Selektionstheorie betrachtet wird, werden wir im fol- »genden den Begriff »Kampf ums Dasein« scharf formuliren und »auf denjenigen Sinn beschränken, in welchem allein von einer »Anwendung desselben für die natürliche Zuchtwahl die Rede »sein kann.« | |
Mit welchem Recht unternimmt es Wigand, einem von seinem Autor ganz bestimmt definirten Terminus technicus eine andere Bedeutung unterzuschieben? Man kann sich allenfalls darüber streiten, ob das von Darwin gewählte Wort glücklich ist oder nicht, ob es nicht die Gefahr von Missver- ständnissen (diese aber doch nur für Laien!) birgt, oder in welchen Fällen es den von Darwins Theorie geforderten Dienst thut ete. Allein das Wort auf eine andere engere Gruppe von Thatsachen anzuwenden und nun mit diesem gefälschten Ter- minus weiter zu operiren, ist unerlaubt. |
Die Berechtigung Darwins, die Beziehungen des Indivi- duums zu seinen Existenzbedingungen als einen »Kampf« zu be- zeichnen, fusst auf der unleugbaren Thatsache, dass es während seines ganzen Lebens von Gefahren und widerlichen und hem- menden Einflüssen der verschiedensten Art bedroht ist. Aller- dings ist das Wort »Kampf« hier bildlich gebraucht, weil das Verhalten des Organismus obigen Einflüssen gegenüber in den wenigsten Fällen ein aktives Kämpfen ist, allein wo steht _ denn geschrieben, dass einem Naturforscher das verwehrt sein sollte, was der Sprachgebrauch jedem andern erlaubt? Und noch etwas: Wir haben alle Ursache, Darwin Dank dafür zu wissen, dass er bei der Schaffung dieses Terminus, wie der Anderer den glücklichen Griff in den Wortschatz der Umgangs- sprache that, anstatt den leidigen byzantinischen Manieren un-
Der Kampf ums Dasein. 67
serer deutschen Naturforscher zu folgen, welche sich die unend- lichste Mühe geben, die Wissenschaft durch eine Unmasse zu- Sammengestoppelter griechischer Fremdwörter zu einem Mixtum Compositum umzugestalten, welches schliesslich der Fachmann selbst kaum mehr versteht, geschweige denn ein anderer Mensch.
Wigand meint nun: wenn Darwin mit dem Ausdruck »Kampf ums Dasein« nichts anderes als obige Thatsachen ge- meint habe, so sei es in der That »eine überflüssige Mühe, diese >triviale, sich auf jedem Schritt im gemeinen Leben darbietende >Wahrheit durch Aufzählung von Beispielen zu begründen, und »vollends wunderlich sei es, wenn die Verehrer Darwins >(womit Büchner gemeint ist) diese Wahrheit als eine neue Entdeckung preisen.« Auch dieser Vorwurf ist ganz unbe- gründet. Es gibt eine Menge von Fällen, in denen die Wissen- Schaft an einer allerdings ganz trivialen Wahrheit achtlos vor- überging und noch geht, weil sie dieselbe für selbstverständlich hält. Allein’noch jedesmal, so oft einer auf den Gedanken kam, Sie aufzugreifen und näher zu untersuchen, so fand er dahinter Nichts geringeres als ein allgemein gültiges Natur- Sesetz. Ich will zwei eigene Beispiele anführen.
Erstens: Es ist eine triviale Wahrheit, dass der Baum von einer Rinde, das Blatt von einer Oberhaut, das Thier von einer Haut, ein Nagel von einer Rostschichte, eine Bleikugel von einer Orydeckiiik, die Erde von einer erstarrten Rinde ete. umgeben ist, und doch glaube ich, dass es von mir kein ganz unglück-
licher Gedanke war, alle diese Thatsachen in dem Satz zusam-
Menzufassen: Jeder Körper, der mit den ihn um- Ssebenden Medien Wechselbeziehungen unter- hält, differenzirt sich concentrisch. Wenn es einmal eine generelle Mor phogenie als Wissenschaft geben
Wird, so muss obiger Satz als das allgemeinste morphogenetische
eiz in ihr einen hervorragenden Platz einnehmen. Zweitens: Es ist eine triviale Wahrheit, dass im Thier- körper die Nerven von der Peripherie nach dem Centrum, also tadial verlaufen, und die Muskelfasern in statu nascenti pa- tallel der Oberfläche, dass also Nerv und Muskel be-
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68 ; Der Kampf ums Dasein.
züglich ihrer Lagerung in re chtwinkligem Verhältniss zu einander stehen, und, physiologisch gesprochen, der Nerv parallel der Reizbahn verläuft, der Muskel sie kreuzt. Obwohl es bei dem geringen Stand unserer histiogenetischen Kenntnisse noch nicht möglich ist, die hinter dieser anatomischen Binsenwahrheit stehende Ursache mit Bestimmtheit zu fassen, so gibt sie doch einen ganz bestimmten Wink, in welcher Richtung die Ursachen liegen, denen es zuzuschreiben ist, dass eine Embryonalzelle entweder zum Nervenfaden oder zum Muskelfaden wird.
Darwin darf es entschieden als ein Verdienst angerechnet werden, dass er eine solche, gleichsam an der Heerstrasse der Beobachtung liegende, bisher ganz ignorirte Binsenwahrheit in ein Wort gebunden und nachgewiesen hat, dass sie einer der wichtigsten Motoren in dem Getriebe der organischen Welt ist.
Von der praktischen Wichtigkeit des vorliegenden Gegen- standes erlaube ich mir, wieder zwei Beispiele aus meiner Er- fahrung zu geben. !
Es frägt Jemand einen Naturforscher, wie viel Forellen- eier er pro Jahr ausbrüten lassen soll, um ein bestimmtes Fischwasser genügend zu besetzen. Da an mich öfter diese Frage gerichtet wurde, so weiss ich, mit welch kolossalen Schwierigkeiten es verbunden ist, sie auf wissenschaftlichem Wege zu lösen, denn es handelt sich dabei um die Bestimmung, wie viel Prozent der ausgesetzten Brütlinge im Kampf ums Da- sein erliegen, bis sie das fortpflanzungsfähige Alter erreicht haben. Dieselbe Frage liest mir gegenwärtig wieder bei meinen Versuchen vor, eine eichenfressende Seidenraupe im Freien auf Waldbäumen zu kultiviren. i
Es ist also auch in dieser Beziehung ein Verdienst Darwins, i einer der grossartigsten Erscheinungen in der belebten Natur die ihr gebührende Stelle in dem wissenschaftlichen Gebäude. der Biologie gegeben zu haben.
Eine Frage für sich ist nun der neue, von Darwin auf. gestellte Satz, dass dieser Kampf sich zu einem Wettkampfe gestalte, weil in Bezug auf die Kampf- fähigkeit individuelle Differenz und sonstige bestehen.
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Der Kampf ums Dasein. 69
Wigand nimmt auch hiezu eine ablehnende Haltung ein: >Auch diese Auffassung ist in der Natur im Grossen und »>Ganzen nicht begründet. Denn die im grossen Massstab »stattfindende Reduktion der überzähligen Individuen wird in »der Regel keineswegs durch bestimmte individuelle Eigen- »schaften, sondern durch jenen Complex von unbekannten und »unregelmässigen Ursachen, welche wir Zufall nennen, ent- »schieden.« Hiegegen ist zu bemerken, dass kein Transmutist gesagt hat, dass in allen Fällen, in denen eine Vernichtung vorkommt, von einem Wettkampf die Rede ist. Sobald z. B. keine individuellen Widerstandsdifferenzen gegen einen bestimmten Intensitätsgrad eines vernichtenden Einflusses vorhanden sind,
so gibt es keinen Wettkampf, z. B. in dem von Wigand an-
geführten Fall des Erfrierens, sobald nämlich der Kältegrad die
allenfalls vorhandenen Differenzen im Erfrierungspunkt sämmt-
lich überschreitet. Aber die Behauptung Wigands, dass,
` wenn zufällig einzelne Individuen nicht erfrieren, sie es immer
dem Zufall eines geschützten Standortes verdanken, dass also keine innerlichen Differenzen im Erfrierungspunkt bestehen, ist falsch. Als Beleg führe ich z. B. die Versuche Haberlands
an. Um zu ermitteln, welcher Kältegrad für die Eier der Seiden-
taupen tödtlich sei, schloss er sie parthienweise in Kältemischungen
verschiedener Grade ein und fand eben, dass bei gewissen Tem-
peraturgraden nur Ein Theil erfriert, ein anderer Theil nicht. So wie die Versuche gemacht sind, kann von »zufälligem Ge- schütztsein« einzelner nicht die Rede sein.
Nach meinen Erfahrungen wird derselbe Versuch mit Pflanzen- samen oder anderen Thiereiern ganz dieselben Differenzen er-
‘geben. Doch führe ich noch anderes an: bei nestsitzenden Vögeln ist es eine fast ausnahmlose Erscheinung, dass unter derselben Brut ein Schwächling ist, dem von seinen stärkeren
Geschwistern das Futter geschmälert wird, so dass er verküm-
mert und zu Grunde geht. Weiter sieht man ebenso gewöhnlich `Y bei solchen Vögeln ein »stärkstes« Individuum, das im Nest _ immer »oben auf« sitzt, das grösste Geschrei bei Ankunft der zenden Mutter macht und auch stets das meiste Futter er-
=“
70 Der Kampf ums Dasein.
wischt. Dasselbe Schauspiel bietet jeder Wurf eines mehrgebä- renden Säugethiers, z. B. jeder Katze, jedes Hundes. Dreijäh- rige Beobachtungen an jungen Forellen haben mich belehrt, dass bei diesen Thieren das gleiche Verhältniss zwischen den Jungen eines Elternpaares besteht, und meine vierjährigen Beobachtungen an den Seidenraupen (Bombyx mori und Pernyi) haben mir das- selbe Wettkampfverhältniss bei diesen Thieren gezeigt, nämlich dass es nicht nur von Hause aus Schwächlinge und Kräftlinge gibt, sondern auch, dass die ersteren von den letzteren aktiv vom Futter abgedrängt werden, so dass man genöthigt ist, sie zu isoliren, wenn sie nicht zu Grunde gehen sollen. Besonders deutlich ist diess bei Bombyx Pernyi zu beobachten. Kurz, meine Erfahrungen haben mich überzeugt, dass wohl bei allen Bruten jedes Thieres ein Wettkampfverhält- niss unter den Geschwistern besteht.
Zum Ueberfluss gebe ich noch folgende zwei Beobachtungen. In diesem Frühjahr fand ich beim Befischen einer etwa zwei Kilometer langen Strecke eines Forellenbaches am Ufer die Reste von vier, einem Habicht zum Opfer gefallenen Tauben: sämmt-
liche vier stammten von weissen Exemplaren. Ein paar Wochen zuvor “besuchte ich bei Annweiler in der Pfalz einen Wander- falkenhorst und fand auf dessen Schlachtplatz nur weisse und gelbe Taubenfedern: beides Beweise, dass der Raubvogel bei den Haustauben Auswahl trifft, was indirekt einen Wettkampf ` zwischen weissen und wildfarbigen Tauben begründet. Wenn desshalb Wigand pag. 98 »von einzelnen Fällen« spricht, in denen »wirklich ein Wettkampf um eine Erhaltung im Sinne »Darwins vorkommen möge, die aber nicht in Betracht »kommen ‚« so ist das der Ausspruch eines Mannes, der sich entweder in der lebenden Natur noch gar nicht umgesehen hat, oder. der durch ein Vorurtheil mit Blindheit geschlagen ist.
Die Sache kommt aber noch toller: »Mit Unrecht sagt »Darwin, ein Kampf ums Dasein trete unvermeidlich ein in »Folge der starken Vermehrung aller Organismen. Im Gegen- »theil möchte man, wenn wir sehen, dass überall da, wo eine »übermässige Produktion stattfindet, dieselbe auf andere Weise
Wi
Der Kampf ums Dasein. 71
>(auf welche? denn darüber verräth Wigand nichts! Jaeger)
»compensirt werden kann, fragen: warum überhaupt einen »Kampf ums Dasein annehmen? Wenigstens wäre ein solcher »in den einzelnen Fällen besonders nachzuweisen. Bis jetzt liegt
»wohl nicht ein einziger thatsächlicher Nachweis (!!!) vor, viel-
»mehr hat man den Kampf ums Dasein als hypothetischen Er- »klärungsgrund für den Zweck der Theorie a priori construirt.«_
Ich muss gestehen, dass bei Lesung dieses Satzes mein Ent- schluss, Wigands Buch einer eingehenden Widerlegung zu
würdigen, ins Wanken kam. Denn eine solche Stirne steht auf
gleicher Stufe mit der der Tischrücker und Geisterklopfer , mit
denen man sich nicht streitet.
‚Im folgenden stossen wir auf den im Eingang dieses Ca- Pitels zurückgewiesenen Versuch, dem Wort »Kampf ums Da- Sein« etwas anderes zu unterschieben. »Hätte man anstatt des »zweideutigen Ausdrucks »Kampf ums Dasein« den Ausdruck
»Wettkampf« oder »Concurrenz« eingeführt, so wäre man nicht
»in Versuchung gekommen, so oft ganz verschiedene Dinge zu »verwechseln.« |
Darauf ist zu sagen: »Kampf ums Dasein« und »Wett- kampf« sind zwei sich durchaus nicht deckende Begriffe. Was unter ersterem verstanden ist, habe ich zum Ueberfluss pag. 65 formulirt. Dieser Kampf ums Dasein ist nicht an und für sich und in jedem Fall ein Wettkampf, sondern er wird nur zu einem solchen unter den bestimmten Verhältnissen, die ich ebenfalls oben pag. 65 namhaft gemacht habe, also ist Kampf ums Dasein ein weiterer Begriff, als Wettkampf. Z. B. der direkte Kampf zwischen einem Raubthier und seinem Opfer ist ein Kampf ums Dasein; er kann erst indirekt zu einem Wettkampf werden, indem 1) die verschiedenen Individuen der Raubthierspezies unter einander in der Erbeutung ihrer Opfer in der Weise wetteifern, dass das stärkste, bestbewaffnete, kühnste, energischste und schlaueste Individuum seine Existenz besser und länger zu fristen vermag, als das minderbegabte Individuum,
2) als die verschiedenen Individuen der Beutethierspezies wieder
unter sich wetteifern in Bezug auf die Fristung ihres Lebens
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72 Der Kampf ums Dasein.
gegenüber jenen Raubthieren derart, das das flinkste, vorsich- tigste, durch Farbe und Form am besten geschützte Individuum länger den: Nachstellungen des Raubthiers sich zu entziehen ver- mag, als solche, die durch irgend eine Minderbegabung dem-
selben leichter zum Opfer fallen, wie z. B. die weissen Tauben
durch ihre auffällige Farbe, was schon Darwin anführte und wovon ich oben zwei charakteristische Fälle mittheilte. Ebenso ist der Kampf eines Thiers gegen die Kälte ein Kampf ums Da- sein, den es theils durch aktive Massregeln (Suchen von Deckung), theils durch mehr unwillkürliche (reichlichere Ernährung bei Frost), theils durch constitutionelle Eigenschaften (siehe oben pag. 69), führt. Indirekt wird dieser Kampf ums Dasein zu einem Wettkampf insofern, als die Individuen der betreffenden Art, wie ich oben zeigte, in Bezug auf Resistenz gegen Frost indivi- duelle Differenzen aufweisen.
= Wigand hat Recht, wenn er sagt: »der Kampf ums Da- »sein muss ein Wettkampf sein, wenn er von Bedeutung für die »natürliche Zuchtwahl sein soll,« allein Unrecht hat er, wenn er diesen Fall für einen seltenen hält, indem jede Art von Da- seinskampf in unzähligen Fällen zum Wettkampf wird.
Weiter sagt Wigan d (pag: 100), der Kampf müsse absolut »entscheidend sein für die Existenz der coneurrirenden Formen, »wenn er ein Mittel der natürlichen Zuchtwahl sein solle,« Das ist nicht in allen Fällen richtige. Hat sich eine Art über grosse Räume unseres Planeten verbreitet und ist im Laufe der geolo- gischen Veränderungen ein Theil dieses Territoriums von dem andern so abgetrennt worden, dass eine Vermischung zwischen den Inwohnern der beiden Bezirke‘ unmöglich ist, so tritt fol- gendes ein. i
Setzen wir den Fall, der eine dieser Bezirke sei eine klei- nere Insel, der andere ein grosses Festland. Da auf letzterem die Zahl der ein Thier bedrohenden Gefahren erstens der Art nach eine grössere ist, zweitens der Natur nach ein andere ist, als auf einer Insel mit armer Fauna, so verlangt das Festland von seinen Bewohnern nicht bloss intensivere Befähigungen, sondern auch der Art nach andere Befähigungen, als die Insel.
Der Kampf ums Diois ` T
Mithin iii auf dem Festland nicht den gleichen individuellen Variationen eine höhere Existenzfähigkeit zu, wie auf der Insel, und so können auf dem einen gewisse Charaktere zum Sieg ge- langen, die auf dem andern wohl auch auftauchen, allein nicht zum Sieg gelangen, weil sie hier werthlos oder schädlich sind. Nehmen wir einen bestimmten Charakter: die Flugfähigkeit, und setzen voraus, dass die fragliche Thierart auf dem Festlande von Raubthieren bedroht ist, auf der Insel nicht. In diesem Fall kommt zuerst die Gebrauchswirkung in Betracht. ‚Die Fest- landindividuen werden durch die Raubthiere zum Fliegen ge- 2wungen, d.h. erzogen, und entwickeln schon dadurch ihr Flug- werkzeug stärker. Auf der Insel ist es umgekehrt, der Nicht-
| gebrauch ist der Anstoss zu beginnender Verkümmerung. Hiezu
kommt folgendes: Auf einer kleinen Insel ist Flugfähigkeit und
die damit verbundene Gewohnheit, viel zu fliegen, nachtheilig
wegen der Gefahr des Verschlagenwerdens auf das Meer, wäh- rend auf dem Festland die Flugunfähigkeit ein Nachtheil ist, denn sie schafft eine Gefahr gegenüber den Raubthieren. Unter diesen Umständen kann es unmöglich zu einer absoluten Ent- scheidung zwischen Flugfähigen und Nichtflugfähigen kommen,
die Entscheidung ist nur örtlich absolut: auf der Insel
Siegen die letzteren, auf dem Festland die ersteren.
- Wigand sucht den Wettkampffall noch weiter einzuengen
durch den Satz: »nur spontane Abänderungen können concurriren« (pag. 100). Er meint unter »spon- tan« solche Abänderungen, die nicht direkt durch äussere Ein- flüsse bestimmt werden. Er sagt: »wenn die Abänderung durch >die äusseren Einflüsse bestimmt wird, so findet unter- allen, >den gleichen Lebensbedingungen ausgesetzten, also etwa >auf demselben Standort befindlichen Individuen selbstverständ-
»lich gar keine Differenzirung, also auch kein Wettkampf statt,
>sie werden entweder sämmtlich erhalten bleiben oder durch >einerlei Ursache sämmtlich zerstört werden.« Das ist falsch, denn, wie ich pag. 69 nachwies, sind nicht alle Individuen gleich ‚ Tesistent gegen eine bestimmte Standortsbedingung, z. B. die T emperaturgrade, und so besteht ein Wettkampf zwischenresistenten
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74 Der Kampf ums Dasein.
und nicht resistenten Individuen. Diess wird noch klarer, wenn wir z. B. den Gang der Schwankungen der Temperatur ins Auge fassen. Jeder weiss, dass die Strenge der Winterfröste in den einzelnen Jahren sehr wechselt. Folgen mehrere milde Winter, so können unter den während dieser Periode geborenen Indivi- duen auch die minder resistenten, wenn sie nur sonst existenz- fähig sind, ganz gut fortkommen. Folgt jetzt ein harter Winter, so erfrieren nieht alle, wie Wigand meint, sondern nur die letzteren. So hält jeder harte Winter eine na- türliche Auswahl und ruft einen Wettkampf hervor, in welchem nur Ein Theil der Individuen siegt.
‘Wigand wird nun behaupten wollen, die Qualitäten, auf denen die Resistenz gegen Kälte beruhe, gehören ins Gebiet der »spontanen« Abänderungen. Das kann er nicht, denn sonst fällt die von ihm gemachte Unter scheidung zwischen »spontan« und »durch äussere Einflüsse bestimmt« (ich will in. der Folge hiefür sagen »aufgezwungen.« Jaeger) weg. Weiter zeigt die Praxis, dass Abhärtungscharaktere nicht “nothwendig spontan sind, sondern durch rationelle Erziehung gemacht werden können.
Wigand fährt fort: »Eine Ungleichheit zwischen zwei In- »dividuen derselben Art (damit meint er wohl in Bezug auf die. »aufgezwungenen Charaktere! Jaeger) könnte nur durch un- »gleiche Standorte hervorgerufen werden.« Auch das ist falsch. Bleiben wir bei der Wärme. Selbst wenn an einem Standort Jahr für Jahr mathematisch genau dieselben Wärmeverhältnisse bestünden, so würde diess nicht verhindern, dass Individuen von differenter Widerstandskraft gegen Kälte auftauchen, unter denen‘ der kommende Winter eine Auslese veranstaltet. Da aber, wie bekannt, mehrere milde Jahrgänge aufeinander folgen können, und mildes Klima nicht bloss den zärtlichen Individuen das Bestehen neben den andern möglich macht, sondern auch direkt verweichlichend wirkt, so können an einem und demselben Standort weichliche und resistente Individuen (die letzteren sind die, welche der Verweichlichung widerstehen), erzeugt werden. Die Ursache für diese Möglichkeit liegt in der Labilität der Vererbungsfähigkeit und zwar so: der letzte harte
, Der Kampf ums Dasein. = 75
Winter hat alles Zärtliche vernichtet und nur resistente übrig
gelassen. Nun folgen die milden Winter. Ein Theil der Resi- stenten vererbt diese Resistenz auf die Nachkommen, ein anderer nicht, und so ist der vom letzten Winter beseitigte Unterschied von neuem vorhanden. | swye Wigand fährt fort: »Aber auch dann (d. h. wenn Dif- »ferenz der Standorte eine Ungleichheit erzeugt hat) ist von einem
>Kampf ums Dasein (falsch! es muss heissen »Wettkampf !«
»Jaeger) nicht die Rede; denn eine Bergform concurrirt nicht »>mit einer Form des Thals.« Das ist dreifach falsch! Erstens: wenn die Bergform aus der Thalform entstanden ist, so werden Unter der ersteren, namentlich im Beginne ihrer Bildung, stets
: Individuen vorkommen, die auf die Thalforın zurückschlagen, Und so concurrirt die Thalform mit der Bergform auf dem eigenen
Grund und Boden der letzteren. Zweitens werden jederzeit Sowohl Bergindividuen ins Thal verschlagen, als Thalindividuen
‚auf die Berge, und das wird jedesmal einen Concurrenzfall setzen.
Welcher Botaniker wüsste denn nicht, dass Bergformen längs der Flüsse weit hinaus in die Thäler vordringen und durch die Winde zahllose Samen von Thalformen auf die Berge entführt werden! Endlich drittens concurriren Bergform und Thal- form in intensivster Weise auf der‘ganzen Linie, in welcher ihre Verbreitungsbezirke ‚an einander ‚gränzen.
Das Capitel auf pag. 101 ist eine vollendete Confusion. Der Wettkampf zwischen den Individuen einer Art ist allerdings ver-
Schieden von dem Wettkampf zwischen zwei nahe verwandten
Arten. Allein falsch ist es, zu behaupten, nur der erstere
könne der natürlichen Zuchtwahl, d. h. der Umänderung durch
dieselbe zu Gute kommen. Der Unterschied liegt nur in Fol- Sendem. Im ersteren Fall ist die Wirkung eine direkte: die Schwächeren Individuen der Art kämpfen mit den stärkeren der Sleichen Art. Im zweiten Fall ist das Verhältniss ein indirektes: durch den Kampf der Spezies A mit der Spezies B kommen alle
Unterschiede unter den Individuen der Spezies B in Bezug auf
ihre Vertheidigungsfähigkeit gegen die Individuen von A zur Vollen Geltung und zwar so, dass die minder kampffähigen
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76 Der Kampf ums Dasein.
B-Individuen von A unterdrückt werden, die Kampffähigen nicht. | Der naheliegendste Fall ist der Kampf zwischen einer Cultur- | pflanze und einem Unkraut: die schwächlichen Individuen der ersteren werden vom Unkraut unterdrückt, die schneilwüchsigen Kräftlinge arbeiten sich durch und so ist durch den Wettkampf zwischen Culturpflanze und Unkraut ein indirekter Wettkampf zwischen den Schwächlingen und Kräftlingen der erstern gesetzt und damit eine Zuchtwahl geschaffen.
Mit der folgenden Einschränkung Wigands: »Entschei- »dend im Wettkampf müsse diejenige Eigenschaft »der concurrirenden Individuen sein, welche ge »züchtet werden solle (pag. 103),« kann man im allgemeinen einverstanden sein, doch finden sich in der betreffenden Ausein- andersetzung einige Irrthümer.
Er meint: pag. 105: nach Darwin ist »die Anpassung der »Organismen an ihre Lebensbedingungen die wichtigste That- »sache, welche durch die natürliche Zuchtwahl ihre Erklärung »finden soll. Diess kann jedoch höchstens für die relativ »vollkommene Anpassung gelten. Dagegen ist die einfache »oder Minimalanpassung (darunter versteht er die, ohne »welche die Art gar nicht existiren kann) jedenfalls nicht Sache »der Zuchtwahl, ihre Entstehungsursache muss eine andere
-von der natürlichen Zuchtwahl ganz unabhängige sein.«
Dieser Satz muss vorher richtig gestellt werden. Der Trans- mutist behauptet nicht, die natürliche Zuchtwahl sei die erste Entstehungsursache eines Charakters, diess sind vielmehr alle, die individuelle Variation bedingenden, theils bekannten, theils unbekannten Ursachen, die Zuchtwahl entscheidet nur über Erhaltung und Fortentwicklung eines aus beliebiger Ur- sache erstmals aufgetretenen Charakters. Wigand will übrigens offenbar sagen, dass die Zuchtwahl in Bezug auf die Minimal- anpassung auch diese bloss ‘erhaltende Thätigkeit nicht habe ausüben können, weil überhaupt kein Thier habe leben können,
_ ohne sie schon zu besitzen, mithin die Möglichkeit einer Auswahl gar nicht vorliege. Aber auch so ist die Behauptung: falsch. ' Bei dem Begriff »Anpassung« handelt es sich ja doch um zweierlei
Der Kampf ums Dasein. 77
sanz bestimmte Dinge: erstens, um eine bestimmte Qualität des Organismus, und zweitens, um eine bestimmte Qualität und Constellation von Lebensbedingungen. Wenn ich von einem Charakter »minimale Anpassung« aussage, so kann sich das doch nur auf eine ganz bestimmte Constellation von Lebensbedingungen beziehen. Nun, ein solcher Charakter kann für eine andere Constellation von Lebensbedingungen schon eine relativ sehr vollkommene Anpassung sein. Z. B. für ein vom Wasser entfernt lebendes Luftwirbelthier wird als >minimale Anpasssung« der Besitz irgend eines Luftathmungs- Organes entschieden gefordert, ohne dieses Organ kann es nicht leben. Für ein Wasserwirbelthier dagegen ist der Besitz einer Lunge nicht nothwendig, es kann durch Kiemen und durch die Haut athmen. Taucht nun bei einem der letzteren der erste Noch so rudimentäre Anfang einer mit Luft erfüllbaren inneren Blase auf (gleichgültig aus welchen Ursachen), so verschafft diess den damit behafteten Individuen entschiedene Vortheile, und zwar schon für das Wasserleben selbst, indem dieser Sack ihnen die bekannten Dienste als Schwimmblase leistet. Allein es kann dieses Organ ihm auch den Dienst leisten, dass es durch den Besitz desselben befähigt wird, vorübergehend aufs Ufer zu Steigen und so sein Nahrungsgebiet zu erweitern. Auf letztere Weise kann sich die natürliche Zuchtwahl des minimalsten Anfanes eines Luftathmungsorgans bemächtigen und durch fortschreitende Ausbildung desselben aus einem Wasser- Wirbelthier ein Luftwirbelthier schaffen.
Ein zweiter Irrthum ist folgender: »Nur wenn eine Abän- >derung nicht bloss nützlich, sondern wenn sie von en t- ’>scheidendem Einfluss für die Existenz allein der abgeän- >derten Individuen ist, — nur wenn die Anpassung der Abän- | >derung selbst eine relativ vollkommenere, die dadurch bedingte »Entscheidung zugleich eine absolute ist — ist diese Abänderung >für die natürliche Z üchtung geeignet.«e Damit meint er nach
dem Vorausgegangenen, die Abänderung müsse derart sein, »dass |
>die abgeänderten Individuen erhalten werden, alle nicht abge- »änderten dagegen zu Grund gehen.« Allerdings in letzter
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78 Der Kampf ums Dasein.
Instanz muss es dazu kommen, allein bis dahin können sich viele Generationen abwickeln, während welcher beide, abgeän- derte und nicht abgeänderte, neben einander existiren, aber so, dass die Zahl der Nichtabgeänderten stetig abnimmt gegen- über der Zahl der Abgeänderten. ` Das kann nun jeder, selbst der kleinste Vortheil, zu Wege bringen, in welchem Fall aller- dings bis zur Entscheidung eine längere Zeit verstreicht, als wenn der Vortheil ein sehr überwiegender ist.
Weiter stellt Wigand die Behauptung auf, »dass bei dem »Kampf ums Dasein, wenn anders derselbe erfolgreich für natür- sliche Zuchtwahl sein soll, ganz bestimmte Zahlenver- »hältniss e für die betheiligten Individuen vorausgesetzt werden »müssen. Wäre z. B. die Zahl der Beutethiere gleich oder »kleiner als das Bedürfniss der vorhandenen Raubthiere, so »würden sie entweder sämmtlich verzehrt, sie möchten gleich »oder verschieden sein — also keine Concurrenz und keine Aus- »wahl.« Hiezu macht er die harmlose Anmerkung: »Wobei wir, »um die Betrachtung nicht zu sehr zu compliziren, von dem »Fall, dass einzelne Raubthiere aus Mangel an genügender »Schnelligkeit und Stärke leer ausgehen und Hungers sterben, »absehen oder vielmehr voraussetzen, dass alle Raubthiere þe- »friedigt werden.«
Wenn ein Mathematiker einem Schüler eine Aufgabe stellt, in welcher zwei veränderliche Faktoren vorkommen, von denen der eine sich verkleinert, sobald sich der andere verkleinert, und der Schüler sagen würde, um die Rechnung nicht zu kompli- ziren, schlage er vor, den einen Faktor als unveränderlich zu behandeln — welche schmeichelhafte Benennung würde ihm wohl sein Lehrer geben? Nein, Herr Wigand! wenn man eine Rech- nung machen will, so ist die erste Bedingung, dass man in die- selbe keine falschen Faktoren einsetzt. Doch nehmen wir die Sache speziell in Behandlung.
Gesetzt, den für Wigand noch günstigsten Fall, ein Raub- thier sei ganz ausschliesslich auf ein bestimmtes Beutethier an- gewiesen, z. B. der Fuchs könne sich bloss von Hasen nähren und beide seien allenfalls auf einer Insel internirt, so liegt die
Der Kampf ums Dasein. 79
Sache so. Unter allen Umständen werden von den Füchsen die langsamsten und unvorsichtigsten Hasen zuerst gefangen und die schnellsten und vorsichtigsten , die jetzt übrig bleiben, sind Nur wieder für die schlauesten und flinksten Füchse leichter er- reichbar, die minder begabten Füchse leiden Hunger, kümmern und gehen zu Grunde. Dieser Akt gegenseitiger Auswahl wieder- holt sich fort und fort, bis in letzter Instanz der kräftigste und sSewandteste Fuchs und der schnellste vorsichtigste Hase übrig bleiben. Jetzt handelt es sich darum: fängt der letzte Fuchs den letzten Hasen, um dann zu verhungern, oder verhungert er, ehe er ihn erwischt. Es findet mithin während des ganzen Kampfes ein fortwährender dreifacher Wettkampf statt: 1) zwi- . Schen den starken und schwachen Füchsen um die Ernährung, 2) zwischen ‘den flinken und lahmen Hasen um die Errettung und 3) zwischen Fuchs und Hase selbst um den Preis der Srössten Leibesbegabung. Wem das nicht sonnenklar ist, für den habe ich mein Buch nicht geschrieben, für den gibt es über- haupt keine Naturforschung. | Nun liegt aber in der Natur die Sache für Wigands Be- hauptune nocH ungünstiger. In den allermeisten Fällen hat ein Raubthier mehrere Beutespezies, gewöhnlich sogar sehr viele, nd wenn z. B. die Hasen selten und die übrig Gebliebenen wegen vieler misslicher Erfahrungen schlauer werden, so frisst eben der Fuchs Rebhühner oder Wachteln oder Mäuse oder Engerlinge oder Heuschrecken ete., und wenn all das fehlte — ehe der Fuchs sich die Lunge heraushetzt, um den letzten Hasen u fangen, frisst er Gras und Kraut, oder wenn auch das fehlte, SO fangen die Füchse an, sich selbst aufzufressen, lange ehe der letzte Hase ins Gras beissen muss. Auch in diesem letzteren Fall findet die Auswahl statt, dass der stärkste Fuchs alle an- deren überlebt. Endlich kommt folgendes dazu: ganz abgesehen von der individuell verschiedenen leiblichen Begabung, welche bewirkt, dass ein alter abgeschlagener Rammler sich nicht von jedem beliebigen Grünling von Fuchsen übertölpeln lässt, bedingt Auch noch ein anderer Umstand, dass das Raubthier seinem Beutethier nicht unter allen Umständen überlegen ist und den
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80- Der Kampf ums Dasein.
Kampf bis zur Vernichtung des letzteren führen kann. Die Hauptjagdmethode der Füchse auf den Hasen besteht darin, sich dem letzteren unter dem Wind hinter einer Deckung anzu- schleichen. Im coupirten Terrain, das überall Deckung bietet, kann es desshalb leicht zu einer örtlichen Vertilgung der Hasen kommen, freilich immer wieder mit stetiger Auswahl, so dass der vorsichtigste Hase zuletzt daran glauben muss. Allein auf offenem Terrain, wo es an Deckung mangelt, befindet sich der Hase im Vortheil und hier wird der Fuchs selbst dann nicht fertig werden, wenn er seinerseits auch gar keinen Feind atıf offenem Terrain hätte, dem er sich hier mehr exponiren muss. Ich will nur den einen Umstand erwähnen: sobald ein Fuchs oder eine Katze beim ‚hellen Tag auf offenem Terrain von Krähen, Dohlen, Schwalben, Bachstelzen etc. bemerkt wird, um- _faltern diese ihn mit warnendem Geschrei, das der Hase und jedes Beutethier der Füchse versteht und als Fluchtsignal þe- handelt, und der Fuchs muss unverrichteter Dinge abziehen.
Daraus geht hervor, dass Wigands Behauptung (pag. 107) mit all den daran geknüpften Schlussfolgerungen absolut falsch ist und nur von Jemand gemacht werden kann), der das Ge- triebe der lebendigen Natur nicht kennt. Wigand wird sich vielleicht entschuldigen, er sei Botaniker und kein Zoologe; dann heisst es: »Schuster bleib beim Leisten !«
Recht hat Wigand, wenn er pag. 109 sagt, zur Häufung und Fortbildung einer Abänderung gehöre »eine sich fortwährend »steigernde Erschwerung der Concurrenz, d..h. Steigerung der »Ansprüche an die Anpassung.« Allein falsch ist es, wenn er meint, diess verlange »eine fortsehreitende Veränderung in den »äusseren Lebensbedingungen,« also z. B. Zunahme der Feinde oder Zunahme der Winterfröste oder Sommerdürre ete. Aller- dings wird eine derartige Aenderung der äusseren Lebensbeding- ungen die Ansprüche steigern und damit ein Motiv für die Fort- bildung sein, allein die Hauptsache ist, dass ein wichtiges Motiv aus der erstmaligen vortheilhaften Abänderung mit Nothwendig- keit von selbst sich ergibt. 5
Nehmen wir zur Nlustrirung das von Wie and selbst
Der Kampf ums Dasein. 81
herausgehobene, aber falsch behandelte Beispiel von dem langen Hals der Giraffe. Wigand meint, die stetige, oder, wie er sagt, Tuckweise Verlängerung des Halses könne nur erklärt werden, Wenn man nicht bloss eine Wiederholung der Hungersnoth (welche die kurzhalsigen tödte), sondern auch annehme, sie Müsse sich »jedesmal um einen, der Steigerung der Halslänge entsprechenden Grad steigern, sei es dadurch, dass sich die »Zerstörung der Vegetation (des Baumlaubs durch Dürre) jedes- >mal um einen Zoll höher erstrecke (!), oder dadurch, dass »Zwischen je zwei aufeinanderfolgenden Zeiten des Mangels ein »längerer Zeitraum verlief, mithin eine stärkere Vermehrung der >Concurrirenden Individuen veranlasste. Gewiss eine Annahme s0 ungeheuerlich als die andere!« Die erstere Annahme ist allerdings ungeheuerlich, allein wer hat diesen,Unsinn behauptet’? Niemand als Herr Wigand selbst! Die andere Annahme Wigands ist weniger ungeheuerlich, aber doch noch so, dass Sie zeigt, derselbe habe nicht die blasse Idee von-dem wirklichen Vorgang. Die Sache steht so: ` In einem Land, in welchem die Bodenvegetation zeitweiliger $änzlicher Zerstörung durch anhaltende Dürre ausgesetzt ist, muss ein pflanzenfressendes Thier, wenn es sich erhalten. soll, die Gewohnheit annehmen, Bäume abzuweiden. Hat es genug Bäume, .so wird der Personalstand der Thiere nicht beeinträch- tigt und sie werden sich vermehren, bis ein gewisses Gleich- ‘ Sewicht von Futtervorrath und Futterbedarf eintritt. Von jetzt ` an bedarf es gar keiner Hungersnoth durch Verdorren der Bäume, ' um eine stetige Halsverlängerung herbeizuführen, das besorgt Sanz einfach die Concurrenz und zwar so: Kommt eine Giraffen- heerde an eine Mimosengruppe, so werden die Bäume von unten auf abgeweidet und zwar nicht, wie Wigand anzunehmen Scheint, nur entblättert, sondern da die Giraffe auch das Ge- ”weig mitfrisst, bis zu einer gewissen Höhe total geschoren. Befinden sich nun einige Individuen mit längerem Halse unter dem Trupp, so werden diese noch fortfressen können, wenn die ‚Kurzhalsigen schon aufhören müssen. Diese sind nun gezwungen, Wenn sie nicht hungern wollen, weiter zu gehen. Da aber die
Jaeger, In Sachen Darwin’s. ee 6
82 Der Kampf ums Dasein.
Giraffe ein geselliges Thier ist, so geht das nicht sogleich von. Statten, sondern erst, wenn es auch den Langhalsigen gefällig ist. Dasselbe wiederholt sich nun von Baumgruppe zu Baum- gruppe: jedesmal kommen die kurzhalsigen etwas zu kurz. Nehmen wir an, auf einer Oase seien schliesslich alle Baumgruppen bis auf die Höhe, in welche die langhalsigen Individuen reichen können, abgeweidet, so ist den kurzhalsigen dauernd die Baumnahrung entzogen; nicht durch eine Veränderung der äusseren Lebensbedingungen, sondern durch ihre langhalsigen Concurrenten, und sie müssen zu Grunde gehen, wenn sich ihnen keine andere Nahrungsquelle eröffnet. Solange nun unter den zurückbleibenden langhalsigen kein noch längerhalsiges 'Indivi- duum auftritt, bleibt die Höhe, bis auf welche die Bäume ge- schoren werden, sich gleich und der Personalstand der Giraffen wird sich dem durch den jährlichen Trieb wieder in ihr Bereich wachsenden Futterquantum anpassen müssen. Als Beleg für diese eigenthümliche Baumschur führe ich das Aussehen der Bäume in einem starkbesetzten Hirschpark oder auf einer Schaf- weide an: sämmtliche Bäume sind genau bis zur gleichen Höhe abgeschoren. Sobald nun neuerdings (aus irgend welcher Ur- sache) ein Individuum mit gesteigerter Halslänge auftritt, so wird diess sich entschieden reichlicher ernähren, länger leben und sich reichlicher fortpflanzen können. Ist seine Langhalsigkeit erblich, so wird eine Mehrzahl von langhalsigen erscheinen, so dass sich schliesslich der gleiche Prozess wiederholt, ohneirgend welche Beihülfe geänderter Ausserer Bedingungen. Item! Das Motiv der Fortbildung liegt einfach in der Goncurrenz, welche die Abgeänderten den nicht Abgeänderten machen — ‘sobald kein Ueberschuss von Futter mehr vorhanden ist, und letzterer Fall wird immer mit mathema- tischer Nothwendigkeit eintreten, sofern sich der Vermehrung des _ Pflanzenfressers nicht ein anderweitiges Hinderniss (Raub- thier etc.) entgegenstellt.
Pag. 113 kommt Wigand auf diet Gränzen, welche dieser Steigerung eines Organs gesteckt sind, zu reden und anerkennt, dass eine gewisse Selbstregulirung denkbar sei,
. Der Kampf ums Dasein. 83
allein »nicht überall sei sie denkbar. So-ist z. B., obgleich ein »übermässig verlängerter Hals der Giraffe sich nicht mehr tragen »>würde, dennoch kein Grund vorhanden, wesshalb der Züch- »tungsprozess in dieser Richtung eine Beschränkung erfahren »sollte; eben weil in diesem Fall kein Grund ist, warum das >Motiv für die Fortbildung des Organs, nämlich die sich fort- »während steigernde Erschwerung des Kampfes um die Lebens- »bedingungen nicht ebenso gut wie bisher fortdauern sollte.« Hierauf diene zur Antwort 1) eine Giraffe, deren Hals so lang ist, dass sie ihn nicht mehr aufheben kann, hat so gut wie gar keinen Hals, also ist auch hier, wie überall, dafür gesorgt, dass die »Giraffen nicht in den Himmel wachsen.« 2) Wird der Kampf um die Existenz nicht fortwährend in gesteigertem Masse erschwert, weil die Natur in der durch die Concurrenz hervorge- brachten Verminderung der Kopfzahl einen vollständigen Regu- lirungsapparat in all den Fällen zur Hand hat, wo es ihr an andern Mitteln hiezu fehlen sollte. Also was Wigand pag. 114 über die Zukunft der Giraffe äussert, ist gelinde gesagt Blöd- Sinn. Ebenso lächerlich falsch ist der Fall von Biene und Blume behandelt. 5
Unter der Ueberschrift »Schwierigkeiten in Folge der voll- kommenen Anpassung« folgt pag. 115 eine Auseinandersetzung, die den peinlichen Eindruck macht, dass Wigand sich einer Aufgabe gegenüber befindet, der er nicht gewachsen ist; denn die Schwieriekeiten liegen nicht in der Natur der Sache, sondern darin, dass Wigand angesichts seiner Aufgabe der Verstand still steht. Von den aufgeführten Schwierigkeiten will ich zum Beweis für meine Behauptung zwei herausgreifen.
»Die zweite Schwierigkeit, welche mit dem‘ Eintreten der > vollkommenen Anpassung verbunden ist, besteht darin, dass . >mit dem Aufhören des Kampfs ums Dasein gerade derjenige »Faktor, welcher nach Darwin bisher die übermässige Pro- >duktion von Individuen compensirt und das Gleichgewicht er- -= >halten hat, hinwegfällt.« Diese absurde Behauptung ist nur dadurch erklärlich, dass Wigand »Kampf ums Dasein« und »Wettkampf« gleichbedeutend nimmt. Offenbar versteht Wi-.
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84 Der Kampf ums Dasein.
gand unter »vollkommener Anpassung« nicht bloss eine voll- kommene Beschaffenheit des Individuums, sońdern auch, dass alle Individuen ganz gleich sind.) Gesetzt, diese Vorbedingung absoluter Gleichheit sei erfüllt (was thatsächlich nie zutrifft), so eoncurriren trotzdem alle Individuen um das vorhandene Futter; dessen Quantum nimmt nun in gleichem Masse ab, als die Kopfzahl der dasselbe verzehrenden Thierart zunimmt und es liegt auf der Hand, dass der so entstehende Mangel schon an und für sich das Mittel wird, eine Uebervölkerung zu hindern, denn der Nahrungsmangel beeinträchtigt zunächst direkt die Fortpflanzung, die Fruchtbarkeit nimmt ab, die Jungensterb- lichkeit nimmt enorm zu und schliesslich werden auch die Alten von Krankheiten befallen, welche nicht bloss das Gleichgewicht herstellen, sondern meist eine weit darüber hinausgehende Vernichtung herbeiführen. .Diess lehrt der Verlauf jeder Mäuse- oder Raupenübervölkerung. Hiezu kommt dann naturgemäss folgender Umstand. Es gibt fast kein Thier, das nicht einen Schmarotzer oder sonstigen Feind hätte. Sobald es sich ver- mehrt, wächst damit das Nahrungsquantum des Feindes, so dass dieser sich auch vermehrt. Tritt nun in Folge Futtermangels die oben geschilderte Verminderung ein, so stürzen sich die in Ueberzahl vorhandenen Feinde oder Schmarotzer (z. B. bei den Raupen die Schlupfwespen, bei den Mäusen Füchse, Marder- arten, Raubvögel etc.) über die reduzirten, durch Nahrungs- mangel geschwächten Thiere her und vernichten sie oft so voll- ständig, dass es viele Jahre braucht, bis die wenigen durch die Gunst der Umstände und individuelle Resistenz aus dem allge- meinen Untergang geretteten Individuen wieder eine irgend nennenswerthe Nachkommenschaft erzeugt haben.
Von diesem letzteren Faktor hat zwar Wigand eine Ahnung, allein nun sagt er: »damit ist aber Darwin nicht gedient, weil »durch Zulassung solcher Mittel der Kampf ums Dasein, »welchen er als das regelmässige Mittel, die Ueberfüllung zu »beseitigen, zur Grundbe dingung seiner natürlichen Zuchtwahl »bedarf, prinzipiell ausgeschlossen ` würde.« Diese unsinnige Behauptung ist wieder nur durch die von Wigand vorgenom-
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~ Mene Fälschung des iin »Kampf ums Dasein,« indem er es
gleichbedeutend mit »Wettkampf« nimmt, erklärlich, Allein selbst, wenn man Wettkampf sagen würde, ist obige Behaup- tung dennoch falsch, weil auch in diesem Fall ein Wettkampf vorliegt, und zwar selbst dann, wenn (was nicht richtig ist} alle Individuen körperlich gleich wären. Hält denn Wigand
_ einen Wettkampf zwischen zwei körperlich ganz gleichen Indivi- ‘duen nicht für möglich? Wigand wird nach allem, was er
über diesen Gegenstand in seinem Buch verlauten lässt, ant- worten: »Nein, weil keiner dem andern überlegen ist, kann es »zu keiner Entscheidung kommen und es gehört zum Begriff des »Wettkampfes, dass der eine gewinnt und der andere verliert.« Ganz richtig! Allein diese Entscheidung tritt, sobald der Wett- kampf fortdauert, unte r allen Umständen dadurch ein, dass irgend ein äusseres Hinderniss, ‚das dem einen aufstösst, dem andern nicht, die Entscheidung bringt. Ein solches Hinder- niss muss schliesslich mit apodiktischer Gewissheit eintreten: wenn 2. B. zwei ebenbürtige Duellanten noch so viele resultatlose Gänge gemacht haben — sobald sie das Duell fort und fort wieder aufnehmen, kommt zum Schluss doch ein »Anschiss« heraus.
Der zweite Fall, bei welchem Wigand ‚der Verstand still
steht, ist der, wie es möglich sei, dass höhere und niedere
Thierformen neben einander bestehen (pag. 118): »Es ist nicht
` »einzusehen, warum die letzteren nicht entweder schon längst von
»den besser angepassten höheren Formen besiegt und verdrängt »worden sind oder warum sie nicht, wie diese, ebenfalls sich »auf eine höhere Stufe der Organisation erhoben haben.«
Darauf könnte man antworten: diess hat die gleichen - Gründe wie’die Thatsache, dass neben dem vollkommeneren Transportmittel, der Eisenbahn, noch das unvollkommenere, die Postkutsche, neben dem vollkommeneren Dampfpflug der un- vollkommenere von Thieren gezogene, neben den Reibzündhölz- chen die Schwefelhölzchen, der Feuerschwamm und die Feuer-
Teibhölzer der Wilden, neben dem Telegraphen die Briefpost,
86 r Der Kampf ums Dasein.
neben dem Gelehrten der Handwerker etc. etc. existiren. Doch wollen wir die Sache genauer analysiren.
Der Unterschied zwischen einer höheren und niederen Or- ganisationsstufe besteht in der grösseren Differenzirung des Körpers bei der ersteren. Z. B. unter den Gliederthieren unter- scheidet sich das höher organisirte Insekt von dem niederen Ringelwurm in folgender Weise: die Leibesringe des Wurmes sind alle nahezu gleich und mit den gleichen Organen ausge- rüstet, beim Insekt sind einige zum Kopf, andere zur Brust, andere zum Hinterleib zusammengetreten; die des Kopfes besitzen Fühler und Fresswerkzeuge, die der Brust Füsse und Flügel und die des Hinterleibs herbergen die Eingeweide. Der Unterschied zwischen dem niedriger stehenden Reptil und dem höher stehen- den Vogel beruht unter anderem darauf, dass beim ersten hinten und vorn Füsse, beim Vogel vorn Flügel, hinten Füsse stehen, darauf gründet sich der biologische Unterschied zwischen Hoch und Nieder. Der höhere Organismus ver- fügtüber mannigfaltigere Hülfsmittelzu sei- ner Existenz, als der niedere, und das schafft ihm die Möglichkeit, unter complizirteren, also für die Exi- stenz eines Organismus schwierigeren Bedingungen noch sein Fortkommen zu finden: der höhere Organismus ist universeller verbreitungsfähiger. Ich will diesen Satz an den Wirbelthieren beweisen.
Der Fischtypus ist niedriger organisirt als die übrigen Wirbelthiertypen. Dem entsprechend ist er auf das Wasserleben beschränkt, während die andern Typen sowohl im Wasser, als in der Luft angetroffen werden. Unter den Pulmonaten stehen die kaltblütigen Reptilien und Amphibien niedriger, als die warmblütigen Vögel und Säugethiere, erstere sind auf die warmen _ und gemässigten Erdgürtel beschränkt, letztere bewohnen die Erde von Pol zu Pol. Unter den Säugethieren sind die niedrigen Beutelthiere auf kleine Erdkreise eingeschränkt, die Beutellosen universell. Unter den Amphibien sind die niedrigstehenden Kiemenmolche nur an wenigen Erdpunkten zu finden, die höheren kiemenlosen Schwanzlurche Kosmopoliten etc. etc.
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Sehon diese einzige der Verbreitung entnommene Thatsache weist darauf hin, dass höhere und niedere Formen biologisch verschieden sind, d. h. eine andere Lebensweise führen. Dieser Umstand ist auch der Schlüssel dafür, dass Sieneben einander existiren können, ohne sich aüszuschliessen : weil sie verschiedene Lebensweise führen (nach Aufenthaltsort, ' Nahrungsqualität, Zahl der Futterstoffe ete.), ist die Goncurrenz weder direkt noch energisch genug, als dass es zur Stellung des aut — aut in der Existenz käme. Letzteres ist nur dann der Fall, Wenn zwei concurrirende Formen die ganz gleiche Lebensweise führen. Für den Nichtfachmann mag der Hinweis auf das Menschenleben genügen: Wenn an einem Ort zwei Bäcker sind. So machen sie sich erbitterte Concurrenz, während ein Bäcker und ein Metzger, trotzdem dass beide auch um das gleiche Ob- jekt,: das Geld ihrer Ortsgenossen, concurriren , friedlich mit einander leben. Doch zu was Gleichnisse! Thatsache ist, der Wurm lebt neben dem Insekt, der Fisch neben Reptil und Frosch, letztere neben ‘Vogel und Säugethier: kurz, die Natur selbst ist ein einziger grosser Beweis dafür, dass das Nebenein- anderleben höherer und niederer Formen möglich ist und der Schlüssel liegt darin: jede Form, die niedere so gut wie die höhere, ist vollkommen angepasst , aber die eine für diese, die "andere für eine andere Lebensweise, und somit ist die Wi- gand’sche Frage so, wie er sie gestellt hat, albern.
Hätte dagegen Wigand gefragt: wie es möglich sei, dass - aus einer an ihre 'Lebensbedingungen angepassten Form auf dem Weg der natürlichen Züchtung eine höhere hervorgehen könne, ohne dass erstere verschwinde, dann hätte er eine immerhin zu stellende Frage gethan. und auf die will ich auch ausführlicher antworten. u u. 0 o) al aoto
Der Hauptsache nach liegt allerdings die Antwort schon im Obigen: die Sache wird dadurch möglich, dass die höhere Form zu einer anderen Lebensweise übergeht. Trotz-. dem lohnt es sich, die Sache in extenso zu betrachten, und ich thue diess um so mehr, als weder Darwin noch Häckel und andere dieses Gesetz, das Fortschrittsgesetz, in einer mir
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88 .x Der Kampf ums Dasein.
genügend erscheinenden Weise zergliedert haben. Wir wollen die Erscheinung die Divergenz durch Fortschritt nennen und darunter die Spaltung der Descendenz in eine niedere und höhere Form verstehen. |
Unerlässliche Vorbedingung für den Eintritt dieser Divergenz ist, dass die sich entwickeln sollende höhere Form ein noch nicht besetztes, also concurrenzfreies Er- nährungsgebiet vorfindet. Man könnte einwenden, dieser Fall werde nur äusserst selten eintreffen. Das ist aber nicht richtig, wenn wir die Natur dieses Erwerbsgebietes als eines complizirteren und desshalb für die niedere Form unzugäng- lichen ins Auge fassen. Als passendstes Beispiel bietet sich der Unterschied von Wasser und Land. Eine Masse der verschie- densten Gründe zwingen uns zu der Annahme, dass die prim- ordialen Faunen ganz aus Wasserthieren bestanden, und so wird im Verlauf der Erdgeschichte ein Zeitpunkt existirt haben, in welchem es zwar trockenes Land gab, aber noch keine Land- thiere. Es war das Land noch unbesetzt, mithin concurrenzfrei, und dass der Aufenthalt auf trockenem Land für einen Organis- mus complizirtere Vorrichtungen nöthig macht, dass also das Land ein complizirteres Erwerbsgebiet ist, erhellt aus einer ein- fachen Betrachtung der Existenzbedingungen.*) Untersuchen wir nun, wie die Spaltung der Descendenz eines Wasserthiers in eine dem Wasserleben treubleibende niedere und eine höhere Luftform möglich ist.
Die innere Voraussetzung ist das, aus was immer für einer - Ursache erfolgende Auftreten einer individuellen Abweichung, welche seinem Träger das, wenn auch nur zeitweilige Heraus- gehen ans Land ermöglicht (siehe pag. 77). Mag diese Vorrich- tung so unvollkommen sein, als sie will, so ermöglicht sie seinem Träger ein den nicht abgeänderten Individuen verschlos- senes Ernährungsgebiet zu betreten, und da diess ein unbestreit- barer Vortheil ist, so werden — Erblichkeit der Variation vor-
A *) Siehe meinen Aufsatz »Der Lebensprozess im Wasser.« Ilustrirte Familienbibliothek. Bd. I. Leipzig 1869.
Der Kampf ums Dasein. 89
ausgesetzt — die Nachkommen dieses Individuums nicht nur er- halten und sich vermehren, sondern diese Vermehrung wird auch desshalb sehr rasch vor sich gehen, weil das neue Gebiet noch
Nicht bevölkert, also coneurrenzfrei ist. Dieser glückselige Zu-
Stand wird jedoch in dem Augenblick beendigt, in welchem
dieses neue Luftthier sich so vermehrt hat, dass eine heftigere Coneurrenz der Artgenossen entsteht. In dieser liegt jetzt das Motiv zu einer fortschreitenden Vervollkommnung und Anpassung an das Luftleben. Damit ist zweierlei geschehen. | Je vollkommener die Anpassung an das Luftleben, desto Seringer wird die vorher bestandene Anpassungan das Wasserleben, d. h. mit der Möglichkeit, sich länger auf dem Land aufzuhalten, vermindert sich die Möglichkeit eines längeren Wasseraufenthaltes, und damit vermindert sich auch die Concurrenz zwischen den nicht abgeänderten Wasserindivi- duen und den abgeänderten Luftindividuen in dem ursprüng- lichen Gebiet, dem Wasser. | | | Das zweite ist, dass auch umigekehrt dasselbe gilt, und
darin liegt die Antwort auf den zweiten Theil der Wigand’schen
Frage: »warum die niedere Form sich nicht ebenfalls auf die.
>höhere Stufe der Organisation erhebe?« Fürs erste zwingt kein einziger Grund die nicht abgeänderten Individuen auch aufs Land zu gehen, ist diess fürs zweite ihnen schon wegen der mangelnden Organisation verschlossen und dann desshalb, Weil ihnen, den nachträglich diesen Versuch machenden Indivi- duen, die dem Luftleben bereits besser angepassten Individuen dort eine Concurrenz bereiten, welche die erstmals an die Luft tretenden Individuen noch nicht vorfanden. So bewirkt die na- türliche Zuchtwahl eine stetige Erweiterung der Kluft zwischen
Land- und Luftindividuen. Sollte es ein Luftindividuum ver-
Suchen, wieder ins Wasser vorzudringen, so erliegt es der Con- Currenz der für ihr Element noch vollkommen angepassten asserindividuen und umgekehrt. | Ein anderes derartiges Beispiel wäre das Flugbarwerden der Thiere, d. h. die Bevölkerung der Luft durch die Descendenz
90 Der Kampf ums Dasein
von Kletterthieren,*) und ähnliches wiederholt sich bei der Bevölkerung einer noch insektenlosen Pflanze durch die ab- ändernde Descendenz der Insekten einer andern Pflanzenart, beim Uebergang vom Freileben zum Schmarotzerleben (hiebei ist es Divergenz durch Rückschritt), von festsitzender Lebens- weise zum freien Uıinherschweifen ete. etc., kurz, bei jeder biologischen Divergenz, sei sie ein Fortschritt oder ein Rückschritt oder Paralleldivergenz.
Aus dem Ebengesagten kann sich der Leser auch leicht entnehmen, dass es falsch ist, wenn Wigand pag. 119 darthun will, die Divergenz einer Form in zwei gleichzeitig fortbestehende neue Formen sei »nur dann denkbar, wenn die zwei verschie- »denen Abänderungen unter ungleichen äusseren Einflüssen, »d. h. an zwei getrennten Lokalitäten auftreten.« Das ist bekanntlich auch die Ansicht, die der sonst transmutistische Moritz Wagner in seiner Migrationstheorie aufstellt. Diese Ansicht ist desshalb falsch: Sobald die neuauftretende Varietät eine Instinktvariation ist, d. h. zu einer andern Lebensweise übergeht, so bildet sich, wie ich schon pag. 52 nachwies, sehr leicht Abneigung zu geschlechtlicher Vermischung oder, um das Weissmann’sche Wort zu benützen, Amyxie durch Abneigung, und der Divergenzprozess hat damit den einzigen gefährlichen Gegner verloren.
Es wären in diesem Capitel noch eine Reihe falscher Behauptungen Wigands zu widerlegen, es wird aber schon das Vorstehende genügen, meinen Ausspruch im Anfang dieses Capitels zu begründen und die völlige Nichtigkeit seiner Deduk- tionen klar zu legen. Dem gegenüber nimmt sich folgender Satz, mit dem Wigand dieses BE RE unendlich komisch aus:
»So glauben wir mit unserer Deduktion Darwin vor die »unvermeidliche Alternative gedrängt zu haben: "entweder einen »Schöpfungsplan, dessen Beseitigung gerade das Motiv. »seiner Theorie bildet, nun erst recht als Voraussetzung und
*) Siehe Jaeger, Skizzen aus dem Thiergarten, pag. 305 und 310.
Die systematischen Charaktere. 9
` >conditio sine qua non der natürlichen Zuchtwahl anzuerkennen, >— oder, wenn nicht, das Selektionsprinzip, d. h. die ganze ? Theorie aufzugeben.« i Ona Ich schliesse dieses Capitel mit folgendem Ausspruch. Wenn gegen die Darwin’sche Lehre nichts Stichhaltigeres j Vorgebracht werden kann, als was Wigand in diesem Gapitel vorbringt, und wenn man, um sie bei Nichteingeweihten zu . disereditiren, zu solchen Mitteln greifen muss, wie es Wigand sethan, dann dürfen Darwin und seine Schüler unbesorgt in die Zukunft schauen: der Wettkampf zwischen den Transmutisten Und den Constanzianern intra muros wird nicht mehr zu lange
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Auf seine Entscheidung harren dürfen.
VII. Die systematischen Charaktere im Kampf ums Dasein. In diesem Capitel untersucht Wigand, ob die im Kampf ums Dasein entscheidenden Charaktere, die er »Anpassungs- Charaktere« nennt, zugleich von systematischer Bedeutsamkeit Sind und umgekehrt: ob die systematisch bedeutsamen Eigen- Schaften im Kampf ums Dasein entscheidend seien. Er kommt ‚hiebei natürlich ` zu einem negativen Resultat, woraus folgen Würde, dass die systematischen Charaktere, mithin die Arten, nicht durch Zuchtwahl entstanden sein können. Mit welchem echt Wigand zu diesem Resultat kommt, mag der Leser aus folgendem beurtheilen. Walt 29 it Seine erste Aufstellung lautet, es gebe Anpassungscharak- tere ohne systematischen Werth, z. B. die constitutionelle Wider- Standskraft gegen die Kälte, Trockniss etc., die grössere Ernäh- Tungsfähigkeit einer Pflanze durch eine längere Wurzel, grössere Stärke und Schnelligkeit eines Raubthieres, eine der Umgebung ähnlichere Farbe etc. ie |
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99 . Die systematischen Charaktere.
Es ist ganz richtig, dass diese Charaktere an und für sich keine systematischen Charaktere im Sinne der zünftigen Syste- matik sind, allein eine andere Frage ist die, ob sie nicht solche consecutiv hervorrufen können. Ich bin viel zu wenig Botaniker, um zu wissen, von welchem Einfluss ein stärkeres Wurzelsystem auf die übrigen morphologischen Charaktere einer Pflanze sein kann, allein für das Thierreich ist leicht nachzuweisen, dass solche an und für sich systematisch werthlose Anpassungs- charaktere Veränderungen, welche systematischen Werth haben, hervorrufen können, ja wahrscheinlich geradezu müssen.
Man nehme eine beliebige zoologische Monographie, so wird man finden, dass unter den von der Systematik zur Speziesunter- scheidung benützten Merkmalen die Proportionalität der Körper- theile eine ganz erhebliche Rolle spielt, z. B. bei den Vögeln das Längenverhältniss von Tarsus und Mittelzehe, oder von Schnabel und Tarsus, das Verhältniss von Spannweite der Flügel und Rumpf- länge, das Ueberragen der Flügelspitzen über das Schwanzende, die relative Länge der Schwungfedern etc., bei den Fischen das Verhältniss von Höhe und Länge des Leibes, bei den Insekten Länge- und Breite-Verhältniss des Brustschilds, Längenverhält- niss der Fühlerglieder, der Tarsenglieder, Länge- und Breite- verhältniss der Flügeldecken, Längeverhältniss der Vorder- und Hinterflügel, ob die Flügeldecken den Hinterleib ganz bedecken oder nicht, Länge der Fühlhörner im Vergleich zum Leib, rela- tive Länge der Fusshüften mit Bezug auf die Hinterleibslänge etc. etc. Derlei Merkmale werden nicht bloss zur Speziesunter- scheidung, sondern sogar zur Unterscheidung von Gattungen und Familien benützt, z. B. unter den Käfern ist Verkürzung der Flügeldecken systematischer Charakter für die Familien der Staphylinen, der Histeriden und der Bruchiden, relative Hüft- länge systematischer Charakter für die Blattwespengattung
Macrophya etc.
Dass die Proportionalität der einzelnen Körpertheile den Einflüssen der Gebrauchswirkung unterworfen ist, habe ich schon pag. 48 ausführlich dargelegt und verweise hier nur noch auf folgendes. Eine vermehrte Arbeitsleistung, z. B. die von Wi”
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Die systematischen Charaktere. 93
Sand angeführte Schnelligkeit, kann den Körper niemals im Ganzen vergrössern, sondern es geschieht dies immer nur mit bestimmten Körpertheilen und da, wie wir oben sahen, die Ver- Srösserung eines mehr beschäftigten Körpertheils stets die Ver- kleinerung eines relativ minderbeschäftigten zur Folge hat, so Müssen sich die Proportionsverhältnisse ändern, z. B. ein schneller fliegender Vogel bekommt längere Flügel auf Kosten seiner Fuss- länge, ein schneller hüpfendes Känguruh längere Hinterbeine
auf Kosten seiner Vorderbeine, der Schmetterling (Sphingiden)
vergrössert seine Vorderflügel auf Kosten der Hinterflügel etc. Also die durch den Kampf ums Dasein bedingten Aende- rungen der Gebrauchsintensität verändern die Proportionalität der Körpertheile und schaffen so unmittelbar Unterschiede, Welcher sich die Systematik überall bedient. Allein es können auch mittelbar noch weitere systematische Merkmale daraus hervorgehen. Z. B: bei den Käfern hat die Verkürzung der Flügeldecken so, dass sie ein bis mehrere Hinterleibsringe frei lassen, die weitere Folge, dass’ der Rückenabschnitt der letzteren ZU einem sogenannten Pygidium erhärtet, was wieder einen ‘yStematischen Charakter abgibt. Weiter spielt z. B. in der: Systematik der Käfer das Rückenschildchen eine sehr grosse Rolle: ob es vorhanden ist oder fehlt und wie lang es ist im Verhältniss zu den Decken. Nun hat es mit dem Rückenschild- then die gleiche Bewandtniss wie mit dem Pygidium: es ist eine Stelle der Rückenfläche der Mittelbrust, die sich desshalb snthünlich entwickelt, weil sie von den Flügeldecken nicht bedeckt ist; es hängt also in seiner Grösse ab von der Grösse der Flügeldecken und diese von der Gebrauchsintensität. Derlei Beispiele, dass Aenderung der Gebrauchsstärke nicht bloss un- mittelbar, sondern auch mittelbar Unterschiede schafft, die wir in der Systematik benützen, liessen sich zahllose anführen. Aber auch zugegeben, es gäbe wirklich solche Anpassungs- Charaktere, die‘ weder systematischen Werth an sich haben, Noch mittelbar oder unmittelbar systematische Charaktere Schaffen, so folgt daraus gar nicht, dass nicht eine grosse Zahl Anderweitiger systematischer Charaktere der Anpassung ihre
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direkte Entstehung verdanken. Diess hat auch Wigand ge fühlt und macht sich im Folgenden an die Beantwortung der Frage, ob die systematischen Charaktere durch Anpassung ent- standen sein können. |
Sein erster Satz lautet (pag. 124): »Die Entstehung von »systematischen Anpassungscharakteren durch Zuchtwahl ist von »vornherein nur dann denkbar, wenn der dadurch bedingte »Lebenszweck die Erhaltung des Individuums selbst ist. Diess »ist jedoch keineswegs bei allen Anpassungscharakteren der Fall.« | Ehe wir auf das angeführte Beispiel eingehen, muss folgende Be- merkung eingeschaltet werden. Kein wissenschaftlich gebildeter Transmutist behauptet heutzutage, dass alle systematischen Charaktere der natürlichen Zuchtwahl unmittelbar ihre Ent- stehung verdanken ; daraus kanh aber nur ein Prinzipienreiter, = als welchen wir Herrn Wigand in.der Folge noch genauer kennen lernen werden, den Schluss ziehen, dass es demnach gar keine systematischen Charaktere gäbe, bei deren Entwick- lung die natürliche Zuchtwahl von entscheidendem Einfluss ge- wesen sei. Gehen wir auf Wigands Satz näher ein.
Er sagt: »So sind z. B. die die Aussaat vermittelnden Ein-
richtungen, wie der Pappus der Gompositen, ohne Frage von |
»grosser Bedeutung, indem dieselben je nach ihrer Vollkommen- »heit den Grad der Verbreitung der betreffenden Pflanzenarten »bestimmen; die Existenz des Individuums dagegen wird »dadurch nicht bedingt.« »Eine vollkommenere Fliegeinrichtung »mag dem betreffenden Individuum eine grössere Verbreitung „an Zahl und Raum gewähren, aber durchaus keine grössere '»Sicherheit der Existenz. Im Gegentheil muss den pappuslosen »Individuen, ‚welche dem Standort der Eltern treu bleiben, gerade »die durch den Pappus beförderte Auswanderung ihrer Art- »genossen mindestens ebenso zu Gute kommen und ihnen die »Behauptung ihres Platzes und ihrer Existenz erleichtern.« Diese Auseinandersetzung ist geradezu haarsträubend! Was versteht denn Herr Wigand unter »Individuum«? Ist denn ein Same nicht so gut ein Individuum als eine ausgereifte Pflanze? Der reifen Pflanze, die nach Abwurf ihrer Samen ihre Lebens-
d Die systematischen Charaktere. ` 95
aufgabe und bei den einjährigen Pflanzen sogar ihr Lebensende erreicht hat, kann es für ihre Existenz allerdings völlig gleich- giltig sein, ob ihre Samen im Haufen zu ihren Füssen liegen bleiben oder im Wind davon fliegen, also ob sie einen Pappus haben oder nicht, allein für den Samen, der doch mindestens Nach seiner Loslösung ebenso gut ein Individuum ist, bleibt es nicht gleichgiltig. Wigand selbst gibt zu, »dass eine »Flugvorrichtung eine grösse Verbreitung an Zahl und Raum »gewähre.« Weiss Wigand nicht, dass das ein direkter Vor- ` theil für den einzelnen Samen ist? weiss er nicht, ‘was jedem Bauern bekannt ist, dass der Saatwechsel., d. h. die Ueber- tragung eines Samens auf einen andern Boden als den seiner Mutterpflanze dem Gedeihen des Samens förderlich ist? Weiss Wigand. nicht, dass die durch eine solche Samenwanderung ünterhaltene Kreuzung der Individuen verschiedener Standorte die heilsamen Folgen einer Blutauffrischung nach sich zieht ? Weiss er endlich nicht, was wieder jedem Bauern bekannt ist, dass bei zu’dichter Aussaat die einzelne Pflanze sich schlechter entwickelt, als wenn sie frei steht? Warum versetzt denn der Bauer seinen Salat und lichtet die Reihen seiner Krautpflanzen, und warum durchforstet man den Wald , sobald die Pflanzen zu dicht stehen? Endlich ist denn nicht die grössere Individuen- zahl, die Wigand als Folge zugibt, ein indirekter Vortheil der einzelnen Pflanze insofern, als ihr Leben durch Pflanzenfresser um so weniger gefährdet ist, je mehr Individuen sich in die Fütterung des betreffenden Feindes zu theilen haben? Wenn z.B. einem Schmetterling sich nur wenige Exemplare seiner Nährpflanze darbieten, so ist er gezwungen, alle so dicht mit Eiern zu besetzen, dass die daraus kommenden Raupen die Nährpflanzen total zerfressen, während im andern Fall viele Pflanzenindividuen ganz raupenfrei bleiben, die andern nicht bis zur Abtödtung befressen werden. AE-S Geradezu komisch ist die Schlussbehauptung im obigen Passus (»Im Gegentheil ete.), denn erstens, hier behauptet er das, was er gerade vorher läùgnet, nämlich dass die grössere Zerstreuung der Samen dem Fortkommen derselben 'und zwar
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96 Die systematischen Charaktere.
aller nützlich ist. Zweitens sagt er, ganz im Sinne der Trans- mutationslehre, der Nutzen trete schon ein, wenn auch nur ein Theil der Samen eine Flugvorrichtung habe! Hier passt das Sprüchwort : Blinder Eifer schadet nur!
Der Versuch Wigands, diejenigen systematischen Anpas- sungscharaktere, welche den Samen oder Eiern anhaften, von der Zuchtwahl auszuschliessen, ist nicht nur ein vollständig missglückter, sondern es ist geradezu haarsträubend, von einem solchen Charakter zu sagen, durch ihn werde die Existenz des Individuums nicht bedingt, denn die Grundbedingung jeder indi- viduellen Existenz.ist doch zum mindesten, dass eine Pflanze aus dem Samen keimt und ein Thier geboren wird.
Ein weiterer nicht minder unglücklicher Versuch, die Selek- tionslehre zu erschüttern, ist die Behauptung Wigands, es hängen die einzelnen Charaktere eines Thieres so sehr gegen- seitig von einander ab, dass jeder Charakter die übrigen bereits zur Voraussetzung habe und umgekehrt, dass mithin unmöglich Platz für die natürliche Zuchtwahl sei, und diese in der Luft schwebe. Was er meint, wird aus seinen Beispielen klar, an denen wir zugleich auch die Nichtigkeit der Behauptung am besten darthun können. |
Er sagt pag. 127: »Für Pflanzenfresser ist eine gewisse »Form der Zähne zweckmässig und zur Erhaltung des Indivi- »duums auch nothwendig, vorausgesetzt, dass dasselbe durch die »Einrichtung des Verdauungsapparates auf Pflanzennährung be- »schränkt ist.«e »Die entsprechende Einrichtung der Verdauungs- »organe bedarf selbst erst der Erklärung und wenn diese nach »Darwin aus der Zuchtwahl abgeleitet werden soll, so muss »die zum Kauen der Pflanzenstoffe erforderliche Zahnbildung »vorausgesetzt werden.«
Wigand hätte kein geschickteres Beispiel wählen können, um an ihm die Nichtigkeit seiner Behauptung darzuthun. Die zum Pflanzenfressen nöthige Einrichtung der Verdauungsorgane besteht im wesentlichen in einer grösseren Weite und Dick- wandigkeit des Magens und in einer grösseren Länge des Darm- kanals. Der erste Punkt ist, dass diese Einrichtung nicht
Die systematischen Charaktere. 97
die Voraussetzung für die Pflanzennahrung, son- dern die Folge derselben ist. Dieser Satz kann in dop- belter Weise experimentell beseitigt werden:
| 1) Wenn man einen Pflanzenfresser von Jugend an zur
' Fleischnahrung oder zu einer physikalisch dieser entsprechenden
Nahrung zwingt, so unterbleibt die Ausweitung des Magens und
. die Verlängerung des Darms: z. B. bei den Rindern, die man mit
breiigen und flüssigen Futtermitteln ernährt, bleibt der Pansen
.. ?elativ kleiner, und ebenso haben sie einen relativ kürzeren
- Darm, als die mit Rauhfutter ernährten Rinder. Dasselbe Ex- Periment ist mit Haustauben gemacht worden (s. pag. 17).
2) Wenn man einen Fleischfresser zur Pflanzennahrung
“zwingt, so wird der Darm länger und der Magen weiter; ein
Experiment, das der Mensch an sich häufig genug macht und an jedem Hund wiederholt werden kann. |
Abgesehen von den Experimenten zeigt auch eine einfache
Physiologische Erwägung, dass das so sein muss.. Der eine Punkt
ist die physikalische Beschaffenheit des Futters. Das
teigig weiche Fleischfutter übt einen viel geringeren mechanischen
Reiz auf die Magenwände als das rauhe Pflanzenfutter. Da der
Organismus‘ jeden Reiz mit einem stärkeren Wachsthum des Sereizten Theiles beantwortet, so muss die Darmwand durch
Rauhfutter zu einem stärkeren Wachsthum veranlasst werden. Der zweite Punkt ist die chemische Beschaffenheit,
d. h. die Verdaulichkeit des Futters: Fleischnahrung wird in wenigen Stunden verdaut und damit hört die mechanische
Reizung des Magens viel rascher auf, als bei Rauhfutter, wo Sie desshalb continuirlich ist, weil wegen der mehrere Tage in Anspruch nehmenden Verdauung der Magen bekanntlich gar nie leer wird. Weiter hinterlässt das Rauhfutter massenhafte und Sowohl durch diesen Umstand als durch ihre eigenthümliche Physikalische Beschaffenheit mechanisch reizende Kothmassen, die für den Darmkanal einen ausgiebigen, fast continuirlichen Wachsthumsreiz abgeben, in Folge davon seine Verlängerung bei Rauhfutternahrung. Der dritte Punkt ist endlich die Masse des Futters. Von Rauhfutter muss ein Thier viel
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98 Die systematischen Charaktere.
grössere Massen verschlingen als von Fleisch und zwar aus zwei Gründen: Fürs erstere ist das Fleisch völlig verdaulich, Rauhfutter nur zum Theil. Fürs zweite: Wenn ein Futterstoff in 4 Stunden verdaut wird, so braucht das Thier nur den dritten Theil seines Tagesbedarfs (die Fressperiode zu 12 Stun- den gerechnet) auf einmal in seinen Magen aufzunehmen. Hat es dagegen zur Verdauung -2 Tage nöthig, so, muss das Thier neben dem vollen Tagesbedarf noch eine weitere, erst in der Vorverdauung begriffene Tagesration in seinem Magen führen. Die damit verbundene mechanische Dehnung des Magens führt zu bleibender Vergrösserung durch interstitielles Wachsthum.
Aus dem Gesagten geht hervor, dass die mit der Nahrungs- qualität zusammenhängenden Darmeinrichtungen unabhängig vom Zahnbau verändert werden können, dass also Darmbau und Zahnbau nicht im Verhältniss gegenseitiger nothwendiger Voraussetzung stehen. Wigand wendet (siehe oben) dagegen ein, ein Thier mit Fleischfressergebiss werde keine Pflanzenkost fressen können oder wenigstens nicht fressen wollen und um- gekehrt. Auch das ist falsch! Das ausgesprochenste Fleisch- fressergebiss haben Hunde und Marderarten. Nun weiss jedes Kind, dass der Fuchs Trauben nascht, der Hund Gras und fast
alles Obst frisst, sobald er es einmal gekostet hat. Dasselbe thun die Marderarten mit allem Süssobst, wie Trauben, Pflau- men, Reineclauden, Kirschen ete., denen sie leidenschaftlich nachgehen. Der Bär und der Dachs sind trotz eines sehr aus- gesprochenen Fleischfressergebisses viel mehr Pflanzenfresser als Fleischfresser, ja die Bären weiden die junge Saat ab trotz Hirsch und Reh. Dasselbe gilt von den Ichneumons, Zibeth- katzen ete. und nur von den ächten Katzen ist mir nichts von Pflanzennahrung bekannt.
Umgekehrt gilt dasselbe: die spezifischsten Pflanzenfresser- gebisse sind die der Nager und Wiederkäuer; unter den Nagern ist bekannt, dass die Eichhörnchen Vögel fangen und verzehren, dass die Wanderratte Hühner, Gänse, Enten und Tauben mordet trotz einem Marder, dass die Feldmäuse und andere Nager sich gegenseitig auffressen selbst ohne grosse Noth. Auch
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Die systematischen Charaktere. 99
die Wiederkäuer greifen, wenngleich seltener, zu Fleischnahrung, 80 fressen die Rinder auf den schottischen Inseln Fische und ich sah, wie eine Wapitihirschkuh eine Krähe, die ich flügellahm
in ihren Park herabschoss, verfolgte, mit dem Lauf niederhieb
und ohne weiteres verschlang.
> Daraus geht hervor, dass die von Wigand aufgestellte
er von dem solidarischen Verbundensein der systema-
er -tischen Charaktere falsch ist. Thatsächlich kann der eine in
Il kommen, ohne. dass der Andere sofort ebenfalls un- möglich wäre, und bei einer durch den Zwang der äusseren
$ Umstände oder durch Instinktvariation erzeugten Aenderung der
- Nahrungsweise ändert sich zuerst der plastischere der beiden Charaktere — hier der Eingeweidebau — zunächst durch Ge- brauchswirkung , dann aber auch unter Mitwirkung der Zucht- wahl, welche die durch den Gebrauch am leichtesten sich ab- ändernden Individuen auswählt. Erst sekundär kann es dann auch zu einer entsprechenden Abänderung des minder plastischen Charakters, des Zahnbaues, kommen. |
Noch unverständlicher ist, wie Wigand die Beziehungen von Ranke und schwachem Stengel bei Kletterpflanzen gegen die Wirksamkeit der Zuchtwahl verwerthet. Er sagt pag. 197: »Die Ranke ist für die Kletterpflanzen nur nützlich, wenn die »Pflanze einen schwachen Stengel hat; ohne diesen würde die »Ranke überflüssig sein. Man könnte mit gleichem Recht die »schwache Beschaffenheit des Stengels aus der natürlichen »Zuehtwahl erklären, indem man von dem Vorhandensein der »Ranke ausgeht: denn von zwei rankenden Individuen wird »dasjenige, bei welchem der in diesem Falle unnütze Aufwand »von Pflanzensubstanz auf Befestigung des Stengels gespart wird, »einen Vortheil vor dem andern mit kräftigem Stengel haben.« Hier gibt also Wigand nach beiden Seiten hin die Möglichkeit der Zuchtwahl zu, was will er also damit? Er sagt: Eine rankende Pflanze mit schwachem Stengel kann auf zweierlei Weise entstanden sein: entweder hatte sie den schwachen Stengel zuerst und verschaffte sich einen Vortheil durch Ranken- bildung oder umgekehrt. Beide Fälle sind möglich und man
100 Die systematischen Charaktere.
kann nur bei der einzelnen Pflanze die Frage stellen, ob die Ranke oder der schwache Stengel das Primäre war. Ich werde darauf unten zurückkommen und nachweisen, dass wahrschein- lich immer der schwache Stengel das Primäre ist.
Noch toller ist folgendes (pag. 127): »die grosse bunte »Blumenkrone als Lockmittel für Insekten setzt, wenn sie durch- »Zuchtwahl erklärt werden soll, sowohl die Nektarbildung als »auch erschwerte Selbstbefruchtung voraus.« Falsch! das Insekt kommt nur des Nektars wegen. Die erschwerte Selbstbefruch- tung ist dagegen durchaus keine nothwendige Voraussetzung. Eine solche Pflanze kann von Hause aus leicht sich selbst bestaübend sein, ist aber einmal durch den Insektenbesuch die Ge- legenheit zu Fremdbestaübung gegeben, so wird jeder Schritt, den die Pflanze in der Richtung einer Erschwerung der Selbst- bestaübung macht, von der natürlichen Zuchtwahl erfasst. Die erschwerte Selbstbestaübung ist also Folge des Insektenbesuches, genau so wie die bunte Blumenkrone Weiter sagt er: »die »Erklärung der 'Honigabsonderung durch Zuchtwahl setzt wie- »derum die Pollenbildung und die Erklärung der Pollenbildung »umgekehrt die Honigabsonderung und die erschwerte Selbst- »befruchtung voraus.« Bei diesem grotesken Unsinn wird man an die Geschichte erinnert: »Wenn der Hund mit der Wurst »über den Spucknapf springt« etc.; siehe übrigens über diesen Fall noch pag. 101. RI,
Wigand begnügt sich nun nicht damit, dass er sagt, gewisse Charaktere -bedingen sich gegenseitig so, dass keiner ohne den andern gedacht, also keiner von der Zuchtwahl einseitig ergriffen und abgeändert werden kann, sondern er sagt, das sei geradezu bei allen Organisationseinrichtungen der Fall. Mit diesem Satz leugnet er das ganze Gebiet der Tera- tologie und individuellen Variation. Darnach gehören die hörner- losen Rinder, Schafe und Ziegen, die 6fingrigen . Menschen} die . gefüllten Blumen, die Schweine mit ungespaltenen Hufen, die haarlosen Rinder, die behaarten Menschen, die dachsbeinigen Schafe, kurz, die unzähligen Fälle, in denen ein bestimmter Charakter primär abändert, ohne dass die anderen
Die systematischen Charaktere. 101
- Charaktere zunächst alterirt werden, in den Bereich
der fabelhaften Thiere, aleigh den Meerjungfern, Drachen und Einhörnern!
Gerade so wie Wigand eine Mitwirkung: der Zuchtwahl bei der gegenseitigen Anpassung der Organe eines und desselben
. Individuums für unmöglich hält — wir haben gesehen mit
welchem Recht — so leugnet er sie bei der gegenseitigen An-
"Passung zweier Organismen und greift den von Darwin
(pag. 108 der V. Aufl.) behandelten Fall von der Rüssellänge der Bienen und der Kelchröhrenlänge der Kleearten heraus.
Er sagt pag. 129:
»Bei dieser Erklärung wird vorausgesetzt, dass die nektar-
'>suchenden Insekten mit einem für das Saugen des Nektars
»aus dem Grunde der meistens verlängerten Blume geeigneten »Rüssel versehen sind. Da aber, wie nach Darwin alle
‚»>Charaktere durch natürliche Zuchtwahl erklärt werden sollen, >diess auch für den "Saugrüssel, welcher doch ursprünglich,
»nämlich auf den niederen Stufen der Thierreihe nicht vorhanden
War, gelten muss, so wird damit. nothwendig die Nektar-
»absonderung bei den Pflanzen, an welchen sich das Saugorgan >der Insekten allein (sic) durch Zuchtwahl ausbilden konnte, »vorausgesetzt, d. h. es wird zur Erklärung der einen Ein- richtung eine andere, und zwar gerade diejenige, welche selbst »erst vermittelst der ersteren erklärt werden kann,- voraus- »gesetzt.« |
Das Bornement in obigem liegt zunächst darin, dass Wigand von der Voraussetzung ausgeht, es sei bloss eine einzige Spezies von nektarabsondernden Pflanzen und eine einzige